{"id":5624,"date":"2022-04-04T07:31:42","date_gmt":"2022-04-04T07:31:42","guid":{"rendered":"https:\/\/wolfgangepplenaturschutzundethik.de\/?p=5624"},"modified":"2022-04-14T13:04:32","modified_gmt":"2022-04-14T13:04:32","slug":"im-artenschutz-zaehlen-individuen-nichtinstrumentalisierung-der-ornithologie-gegen-windkraft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wolfgangepplenaturschutzundethik.de\/?p=5624","title":{"rendered":"Im Artenschutz z\u00e4hlen Individuen nicht?\u201eInstrumentalisierung\u201c der Ornithologie gegen Windkraft?"},"content":{"rendered":"\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong><strong>Anmerkungen aus Anlass \u00f6ffentlicher \u00c4u\u00dferungen von Prof.&nbsp;Dr. Katrin B\u00f6hning-Gaese* zu Windkraft und Artenschutz<\/strong><\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>von Wolfgang Epple<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-vivid-red-color has-text-color has-small-font-size\">(<strong>Hinweis: Der  hier wiedergegebene Beitrag wurde f\u00fcr die <a href=\"https:\/\/www.naturschutz-initiative.de\/home\/startseite\">Naturschutzinitiative e.V.<\/a> verfasst  und  ist seit Anfang April 2022  auf der Homepage dieses Naturschutzverbandes, dessen wissenschaftlicher Beirat ich bin,<a href=\"https:\/\/www.naturschutz-initiative.de\/images\/PDF2022\/ErwiderungEppleBoehningGaese.pdf\"> unter <em>&#8222;Denkanst\u00f6sse&#8220;<\/em><\/a> aufzurufen) <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">*Katrin B\u00f6hning-Gaese ist die Direktorin des Senckenberg Biodiversit\u00e4t und Klima Forschungszentrums und der Senckenberg Gesellschaft f\u00fcr Naturforschung (SGN) in Frankfurt am Main. Die Ornithologin und \u00d6kologin forscht vor allem zu Populationsdynamiken bei V\u00f6geln.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Beitragsbild: Junger Schwarzstorch auf Nahrungssuche im Gr\u00fcnland. Der Schwarzstorch ist durch Ausbau von Windkraft in seinem Lebensraum negativ betroffen. Der Verlust jedes einzelnen <em>Individuums<\/em> z\u00e4hlt f\u00fcr die nirgends in Mitteleuropa gro\u00dfen Best\u00e4nde. Genauso z\u00e4hlt der Verlust<em> individueller <\/em>Schwarzstorch-Habitate: Waldrodung und brachiale Erschlie\u00dfung f\u00fcr  Windkraft vernichtet seinen Lebensraum. <strong>Schwarzst\u00f6rche sind als scheue Waldbr\u00fcter besonders empfindlich gegen St\u00f6rungen. <\/strong>Zu den Ungeheuerlichkeiten und Ausw\u00fcchsen im Rahmen der Energiewende geh\u00f6rt, dass ihre Horste und Brutareale in Deutschland \u2013 \u00e4hnlich wie beim Rotmilan \u2013 schon gezielter St\u00f6rung und Vernichtung ausgesetzt sind, um f\u00fcr Windkraft Platz zu schaffen. Foto: Wolfgang Epple<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>1. Vorbemerkung:&nbsp;&nbsp;Unabh\u00e4ngige Beratung der Politik oder bezahlte Mainstream-Konformit\u00e4t durch ausgesuchte Wissenschaft?<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p><em>&nbsp;\u201e(\u2026) In ihrer Politik beratenden Funktion legt die Leopoldina fachkompetent, unabh\u00e4ngig, transparent und vorausschauend Empfehlungen zu gesellschaftlich relevanten Themen vor. Sie begleitet diesen Prozess mit einer kontinuierlichen Reflexion \u00fcber Voraussetzungen, Normen und Folgen wissenschaftlichen Handelns.\u201c<\/em>(Auszug aus der Selbstdarstellung der \u201eNationalen Akademie der Wissenschaften Deutschlands, Leopoldina; <a href=\"https:\/\/www.leopoldina.org\/ueber-uns\/ueber-die-leopoldina\/leitbild-der-leopoldina\/)\">https:\/\/www.leopoldina.org\/ueber-uns\/ueber-die-leopoldina\/leitbild-der-leopoldina\/)<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Seit geraumer Zeit f\u00e4llt auf, dass die rund 1600 Mitglieder z\u00e4hlende, sich selbst als&nbsp;<em>\u201eklassische Gelehrtengesellschaft\u201c<\/em>&nbsp;bezeichnende Leopoldina in ihren teilweise mit anderen Institutionen \u201ead hoc\u201c verfassten Stellungnahmen zur Energiewende erkennbar verst\u00e4rkt am politischen Mainstream orientierte, regierungsamtlichen \u00c4u\u00dferungen und Verlautbarungen der Erneuerbaren-Energien-Branche nahestehende Einsch\u00e4tzungen abgibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei auffallende Beispiele (unter etlichen weiteren) seien erw\u00e4hnt:&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Die jeweils zusammen mit \u201eacatech\u201c und der \u201eAkademieunion\u201c herausgegebene \u201ead-hoc-Stellungnahme\u201c aus 2020:&nbsp;<em>Energiewende 2030: Europas Weg zur Klimaneutralit\u00e4t<\/em>.&nbsp;(Leopoldina et al. 2020) und das unter gleicher Herausgeberschaft erschienene&nbsp;<\/li><li>\u201eImpulspapier\u201c aus dem November 2021:&nbsp;<em>Vorschl\u00e4ge f\u00fcr einen klimagerechten Ausbau der Photovoltaik und Windenergie<\/em>&nbsp;(Leopoldina et al. 2021). &#8222;<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Im Text aus 2020 tauchte der Begriff \u201eArtenvielfalt\u201c nur noch ein einziges Mal auf (aufgegriffen in Epple 2021a, S.146). Das Impulspapier aus 2021 stimmt versch\u00e4rft in den Chor der Forderungen zur \u201eBeschleunigung des Ausbaus\u201c Erneuerbarer Energien ein, und \u00fcbernimmt dabei nachweislich falsche Narrative, unterer anderem das der \u201emehrj\u00e4hrigen\u201c Verfahrensdauern etwa bei der Genehmigung der Windkraftvorhaben in Deutschland. Dies obwohl der vorher gelieferte und den Wissenschaftlern wie der \u00d6ffentlichkeit frei zug\u00e4ngliche offizielle<em>Bericht des Bund-L\u00e4nder-Kooperationsausschusses zum Stand des Ausbaus der erneuerbaren Energien sowie zu Fl\u00e4chen, Planungen und Genehmigungen f\u00fcr die Windenergienutzung an Land, geliefert am 22. Oktober 2021 an die Bundesregierung gem\u00e4\u00df \u00a7 98 EEG 2021<strong>&nbsp;<\/strong><\/em>&nbsp;zur Dauer der Genehmigungsverfahren eine klare Sprache spricht; Zitat S. 37: \u201e<em>(\u2026)Demnach&nbsp;dauerten Genehmigungsverfahren f\u00fcr Windenergieanlagen an Land deutschlandweit im Berichtszeitraum im Median 6,3 Monate, im Durchschnitt betrug die Dauer 7,6 Monate. (\u2026)\u201c<\/em>&nbsp;Im gleichen Bericht sind auf Seite 40 ist noch die \u201eFachagentur Windenergie an Land\u201c zitert:&nbsp;<em>\u201e(\u2026) Wird der Startzeitpunkt f\u00fcr die Bestimmung der Verfahrensdauer daher als Zeitpunkt der Antragsstellung (Eingang des Antrags bei der Genehmigungsbeh\u00f6rde) definiert, ergibt sich ein anderes Bild. So hat die Fachagentur Windenergie an Land (2015)&nbsp;im Rahmen einer Studie ermittelt, dass die Dauer f\u00fcr Genehmigungsverfahren mit Pflicht zur Umweltvertr\u00e4glichkeitspr\u00fcfung (UVP) durchschnittlich 23 Monate betr\u00e4gt, w\u00e4hrend bei Verfahren ohne UVP-Pflicht die durchschnittliche Dauer bei 16 Monaten liegt, sofern die Antragseinreichung als Startpunkt gew\u00e4hlt wird.<\/em>\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Im erw\u00e4hnten \u201eImpulspapier\u201c aus 2021 taucht unter den Autorinnen und Autoren neben direkten Vertretern der Windkraftbranche (z.B. die an Waldzerst\u00f6rungen durch Windkraft direkt profitierende EnBW Baden-W\u00fcrttemberg) auch ein Prof. Dr. S\u00f6ren Sch\u00f6bel-Rutschmann (TU M\u00fcnchen) auf. Sch\u00f6bel-Rutschmann tritt in der \u00d6ffentlichkeit notorisch einseitig als bekannter scharfer Verfechter der Windkraft f\u00fcr eine m\u00f6glichst sichtbare und dominierende Installation von Windkraftindustrie auch und gerade in naturnahen Vorzugslandschaften ein. Seine Mitwirkung ist im Leopoldina-\u201eImpulspapier\u201c an den entsprechenden Formulierungen unverkennbar; Zitat (S.3):<strong><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>\u201e<\/em><\/strong><em>Erneuerbare-Energieanlagen werden zunehmend zu einem selbstverst\u00e4ndlichen Teil des Landschaftsbildes<\/em><em><\/em><em>werden. Ziel der Raumplanung sollte daher sein, die Anlagen in die Landschaft im Sinne einer allgemeinen<\/em><em><\/em><em>positiven Neugestaltung von Landschaften zu integrieren, anstatt sie wie bisher vor allem in abgewerteten<\/em><em><\/em><em>Restr\u00e4umen zu konzentrieren<\/em><em>.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Frage muss an die Verfasser solcher Texte gestellt werden: Sind folgende bisher bereits durch die Windkraftindustrie verunstaltete Landschaften , bereits \u201eabgewertete Restr\u00e4ume\u201c: Schwarzwald, Vogelsberg, Hunsr\u00fcck, weite Gebiete etwa Ostfrieslands, die nun f\u00fcr das Eindringen der Windkraft vorgesehenen letzten Pr\u00e4dikat-Naturlandschafen Deutschlands, wie der Reinhardswald, der Odenwald in Hessen, die mit herausragend wertvollen Buchenw\u00e4ldern ausgestattete Schw\u00e4bische Alb? Eine Auseinandersetzung mit solch abwegigen Thesen und abwertenden Bewertungen durch \u201edie Wissenschaft\u201c erscheint dringend. Speziell das Wirken des M\u00fcnchener Landschaftstheoretikers ist durch ein konkretes Beispiel der durch ihn unterst\u00fctzten Pervertierung des Landschaftsschutzes im Ebersberger Forst bei M\u00fcnchen publik geworden (Epple 2021b).&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Den m\u00f6glicherweise entscheidenden Hinweis auf die sich aufdr\u00e4ngende Frage, ob \u00c4u\u00dferungen aus dem hier vorgestellten Wissenschaftler- und Herausgeber-Kreis politisch \u00fcberhaupt noch unabh\u00e4ngig sind, gibt die Publikation selbst (Seite 6 des \u201eImpulspapiers\u201c aus 2021). Screenshot vom 31.03.2022:&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"486\" height=\"260\" src=\"https:\/\/wolfgangepplenaturschutzundethik.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/image.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-5644\" srcset=\"https:\/\/wolfgangepplenaturschutzundethik.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/image.png 486w, https:\/\/wolfgangepplenaturschutzundethik.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/image-300x160.png 300w\" sizes=\"(max-width: 486px) 100vw, 486px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Zunehmend ist zu beobachten, dass durch die Bundesregierung finanzierte Texte politischen Vorgaben gehorchen. Ein Abgleich der Leopoldina-Textpassagen zur Beschleunigung des Ausbaus der EE mit regierungsamtlichen Verlautbarungen sei dem Leser ausdr\u00fccklich empfohlen.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>2.Die konkreten \u00f6ffentlichen \u00c4u\u00dferungen des Leopoldina-Mitgliedes B\u00f6hning-Gaese<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Das in der folgenden Kritik angesprochene Leopoldina-Mitglied Prof. Dr. Katrin B\u00f6hning-Gaese*&nbsp;ist zwar an keinem der beiden hier vorgestellten ad-hoc Textbausteine der \u201eklassischen Gelehrtengesellschaft\u201c zur Beschleunigung der Energiewende beteiligt. Dennoch \u00e4u\u00dfert auch sie sich in voller Verantwortung der wissenschaftlichen Autorit\u00e4t, die sowohl ihre Mitgliedschaft in der Akademie als auch ihr Professorentitel verleihen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In einem Essay zum moralischen Fortschritt in Zeiten der Energiewende (Epple 2022) habe ich eine erste auffallende \u00c4u\u00dferung der Biologin in der&nbsp;<strong><em>FAZ vom 23.01.2021<\/em><\/strong>&nbsp;aufgegriffen; Zitat aus dem Artikel<em>:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>&nbsp;\u201eSteht das Windrad, bringt das Vogelschlag mit sich. Schwer ist es, die Folgen f\u00fcr die Population zu belegen. Die Frankfurter Biologin Katrin B\u00f6hning-Gaese spricht von Beispielen an Bundesl\u00e4ndern, in denen Windkraft ausgebaut wurde und gleichzeitig die Vogelbest\u00e4nde an kritischen Arten gestiegen sind, und von Arbeiten, die das Gegenteil beweisen<strong>. F\u00fcr sie geht es mit dem Artenschutz um den Schutz von Population.<\/strong>&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/windkraft-leiden-voegel-und-fledermaeuse-darunter-17742436-p2.html\"><em>\u201eInsofern ist es nicht undenkbar, dass, wenn an einem Punkt h\u00f6here Sterberaten auftreten in der N\u00e4he von Windkraftr\u00e4dern, dass man das durch Ausgleichsma\u00dfnahmen ausgleichen kann\u201c, sagt die Direktorin des Senckenberg Biodiversit\u00e4t und Klima Forschungszentrums.\u201c<\/em>&nbsp;<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Hier klingt die in Kreisen der Windkraftunterst\u00fctzer verbreitete Erz\u00e4hlung an, man k\u00f6nne durch Ausgleichsma\u00dfnahmen quantitativ die Schlagopfer- oder Barotrauma-Verluste an Individuen aus Wildtierpopulationen einfach anderswo ersetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass es sich nicht um eine zuf\u00e4llig aufgegriffene Tendenz handelt, sondern dass die Direktorin eines Senckenberg-Forschungszentrums an der politisch gewollten grunds\u00e4tzlichen Umdeutung der rechtlichen Grundlagen des Naturschutzes im Zuge der Energiewende beteiligt ist, zeigt sich einige Wochen sp\u00e4ter.&nbsp;In noch gr\u00f6\u00dferer Deutlichkeit legt Katrin B\u00f6hning-Gaese nach. In einem&nbsp;Interview vom 23.03.2022&nbsp;f\u00fcr das&nbsp;\u201e<a href=\"https:\/\/www.rnd.de\/wissen\/windkraft-auf-kosten-des-artenschutzes-warum-das-nicht-sein-muss-EIMX74E2UZCVTAYLSOFX4TAF7U.html\">RedaktionsNetzwerkDeutschland\u201c&nbsp;<\/a>antwortet sie auf die Frage<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;\u201e&#8230;<strong><em>Wenn beispielsweise ein Rotmilan in N\u00e4he der geplanten Baufl\u00e4che gesichtet wird, reicht das nicht f\u00fcr den Stopp des Projekts?<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em><a href=\"https:\/\/www.rnd.de\/wissen\/windkraft-auf-kosten-des-artenschutzes-warum-das-nicht-sein-muss-EIMX74E2UZCVTAYLSOFX4TAF7U.html\">&#8222;Beim Artenschutz kommt es nicht auf jedes Individuum an, sondern die Best\u00e4nde der Population. Diese d\u00fcrfen nicht zur\u00fcckgehen. Wenn nun einer Windkraftanlage ein Tier zum Opfer f\u00e4llt, ist das hingegen Tierschutz. Dabei geht es um das Wohl des einzelnen Individuums, dessen Leid minimiert werden soll.&#8220;<\/a><\/em> <\/p>\n\n\n\n<p>Bereits die Einf\u00fchrung des Begriffes \u201eTierschutz\u201c ist an dieser Stelle rechtlich und fachlich nicht treffend. Das Population-Argument, es komme nicht auf Individuen sondern nur auf die Population an, mit dem Subtext man solle sich beim Schutz von Arten nicht an einzelnen Individuen aufh\u00e4ngen oder gar bei der Bek\u00e4mpfung von Genehmigungen von Windkraft-Eingriffen daran abarbeiten, wird seit geraumer Zeit in vielfach nur leicht abgewandelter Wortwahl in Kreisen speziell der Verfechter der Windkraft unz\u00e4hlige Male redundant&nbsp;nachgeplappert. Wer es in dieser Vereinfachung urspr\u00fcnglich in die Welt gesetzt hat, l\u00e4sst sich kaum mehr nachvollziehen. Zur inhaltlichen Kritik siehe unter Punkt 3.<\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst seien weitere \u00c4u\u00dferungen der Biologin aus dem RND-Interview wiedergegeben. Diese belegen, dass weitere Erz\u00e4hlungen aus einschl\u00e4giger Windkraft-Propaganda unkritisch weitergegeben werden:&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.rnd.de\/wissen\/windkraft-auf-kosten-des-artenschutzes-warum-das-nicht-sein-muss-EIMX74E2UZCVTAYLSOFX4TAF7U.html\"><em>&#8222;Grunds\u00e4tzlich alle Bauvorhaben verhindern zu wollen, ist Quatsch. Wir brauchen ja die Windr\u00e4der. Sie k\u00f6nnen durchaus auch im Sinne des Artenschutzes wirken, weil auch der Klimawandel selbst zum Artensterben f\u00fchrt. Wir m\u00fcssen eben nur aufpassen, dass sie nicht an der falschen Stelle stehen.&#8220; (&#8230;)<\/em><\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.rnd.de\/wissen\/windkraft-auf-kosten-des-artenschutzes-warum-das-nicht-sein-muss-EIMX74E2UZCVTAYLSOFX4TAF7U.html\"><em>&#8222;Bei konkreten Projekten entstehen oft B\u00fcrgerinitiativen, die das Bauen verhindern wollen. Wir werden da als Ornithologen und Ornithologinnen aber leider oft f\u00fcr ganz andere Interessen instrumentalisiert. Vogelexperten und -expertinnen werden ganz gezielt angesprochen, mit dem Hinweis, doch bitte genau in dieser Region mal einen Rotmilan zu finden, damit das Windkraftrad nicht gebaut wird. Da geht es dann aber eigentlich um den Komfort und Lebensraum der Anwohner und Anwohnerinnen \u2013 und nicht den Arten- und Klimaschutz.&#8220;<\/em><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Bereits hier schlie\u00dfen sich entsprechend dieser beiden Setzungen R\u00fcckfragen an die Urheberin an:&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Wer will&nbsp;<em>&#8222;alle Bauvorhaben verhindern<\/em>&#8222;?<\/li><li>Wo ist das&nbsp;<em>Wirken der Windr\u00e4der im Sinne des Artenschutzes<\/em>&nbsp;konkret belegt?<\/li><li>Kann die Urheberin Ihre Unterstellung der&nbsp;<em>&#8222;Instrumentalisierung von Ornithologen und Ornithologinnen&#8220;<\/em>durch windkraftkritische B\u00fcrger Deutschlands konkret belegen?<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Mitglieder der Leopoldina sollten statt pauschal zu diffamieren der dortigen Einsch\u00e4tzung folgen, wenn wohlklingend, aber mit schwammiger Begr\u00fcndung im \u201eImpuls\u201c&nbsp;&nbsp;2021&nbsp;<em>\u201eGesellschaftliche Akzeptanz als Schl\u00fcssel\u201c&nbsp;<\/em>bezeichnet ist<em>.<\/em>&nbsp;Die Unterstellung einer Instrumentalisierung von Ornithologinnen und Ornithologen durch b\u00fcrgerlichen Widerstand jedenfalls ist f\u00fcr Vermittlung von Akzeptanz wenig \u00fcberzeugend. Es sind n\u00e4mlich die notorisch als \u201eNimbys\u201c (\u201eNot im my Backyard\u201c) verunglimpften kritischen B\u00fcrger, die sich vor Ort um ihre Heimat, ihre Natur und die Zukunft ihrer Kinder k\u00fcmmern und die Rolle der erkennbar mit der Windkraftindustrie paktierenden, ehemals dem Naturschutz verpflichteten Umweltorganisationen einnehmen und ersetzen (siehe Mathys, Mock &amp; Epple 2022)<\/p>\n\n\n\n<p>Angesichts der herausragenden Expertise von Prof.Dr. Katrin B\u00f6hning-Gaese&nbsp;(Leopoldina:<a href=\"https:\/\/www.leopoldina.org\/mitgliederverzeichnis\/mitglieder\/member\/Member\/show\/katrin-boehning-gaese\/\">https:\/\/www.leopoldina.org\/mitgliederverzeichnis\/mitglieder\/member\/Member\/show\/katrin-boehning-gaese\/<\/a>&nbsp;) \u00fcberrascht die Schlichtheit Ihrer sicher mit Bedacht in die \u00d6ffentlichkeit zu einem \u00e4u\u00dferst virulenten und komplexen Konflikt getragenen Aussagen. Sie liegen allesamt und eindeutig auf Kurs der politischen Forderungen und teilweise sogar der Propaganda der Windkraftindustrie Deutschlands und ihrer politischen Unterst\u00fctzer bzw. Vorfeldorganisationen. Auf drei Ebenen fordern diese dezidierten \u00c4u\u00dferungen der Frankfurter Professorin eine kritische Hinterfragung und zum Widerspruch heraus:<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">3. Kritik &#8211; auf drei Ebenen angebracht&nbsp;<\/h4>\n\n\n\n<p><strong>a.<\/strong> <strong>Die biologische Ebene \u2013 Evolution und \u00dcberleben der Spezies setzt an Individuen an. Eine Spezies hat kein \u201e\u00dcberlebensinteresse\u201c. Individuen haben \u201ebiologischen Wert\u201c.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Auf die ausf\u00fchrliche Er\u00f6rterung des \u201ebiologischen Wertes\u201c von Individuen in Epple (2021, Kap.5.4) sei verwiesen. Die wesentlichen Punkte werden hier nur kursorisch aufgez\u00e4hlt. Es kann unterstellt werden, dass eine Biologin dieses Ranges mit den Grundlagen, die im Rahmen dieser Erwiderung nur gestreift werden k\u00f6nnen, bestens vertraut ist:&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>\u00dcberleben und Einpassung, sowohl genetische als auch epigenetische Ver\u00e4nderungen an Merkmalen innerhalb einer Spezies&nbsp;<em>setzen am Individuum an<\/em>.&nbsp;<\/li><li>F\u00fcr die evolution\u00e4re Zukunft spielen nicht nur Individuen, die sich um Zentrum von Verbreitungen, Arealen und besonders geeigneten Habitaten durchsetzen, sondern auch Pioniere oder aus derzeitigen Vorzugshabitaten an den Rand gedr\u00e4ngte und\/oder abwandernde Individuen (\u201eRandst\u00e4ndige\u201c) eine wichtige Rolle.&nbsp;<\/li><li>Diese Individuen tragen je nach Gegebenheit und individueller Ausstattung zur Ausbreitung oder Wieder-Ausbreitung und\/oder&nbsp;&nbsp;zur Verbindung und Etablierung von Populationen (Metapopulationen) in und au\u00dferhalb der ges\u00e4ttigten Bereiche bei.&nbsp;<\/li><li>Verluste von einzelnen Individuen sind je nach Spezies, ihres Status und ihrer Fortpflanzungsstrategie sehr wohl bedeutsam. <\/li><\/ul>\n\n\n\n<p><strong>b.<\/strong> <strong>Die rechtliche Ebene \u2013 geltendes Naturschutzrecht sch\u00fctzt Individuen<\/strong> <\/p>\n\n\n\n<p>Das EuGH-Urteil aus dem M\u00e4rz 2021 (<strong>EuGH\u00a0C\u2011473\/19, C\u2011474\/19 vom 04.03.2021;\u00a0<\/strong>siehe\u00a0EuGH 2021) sei als eines der j\u00fcngsten Dokumente f\u00fcr die Einordnung des Schutzes von Wildtierindividuen in die europ\u00e4ische Rechtsordnung hinsichtlich des Artenschutzes erinnert.<strong>\u00a0<\/strong>Dieses Urteil ist die Best\u00e4tigung der vom Gerichtshof wiederholt betonten individuellen Komponente des Schutzregimes der EU-Naturschutz-Richtlinien (FFH-RL, Vogelschutz-RL). Das europ\u00e4ische Recht spricht von \u201eExemplaren\u201c und Lebensst\u00e4tten. Wenn im EU-Recht auf den anzustrebenden guten\u00a0<em>Erhaltungszustand von Populationen<\/em>\u00a0abgehoben ist, meint dies gerade nicht den von B\u00f6hning-Gaese nun gef\u00f6rderten rechtlich schwerwiegenden Irrtum, man k\u00f6nne Schutzvorschriften von der Ebene der einzelnen Exemplare, selbst von Eiern oder von den individuellen Lebensst\u00e4tten gesch\u00fctzter Arten losl\u00f6sen und die Schutzw\u00fcrdigkeit verallgemeinert auf die n\u00e4chst h\u00f6here \u00f6kologische Systemebene abheben. Dies scheitert schon alleine an der unter a) dargestellten biologischen Wirklichkeit nat\u00fcrlicher Entit\u00e4ten.Es ist zus\u00e4tzlich daran zu erinnern: Im Internationalen Artenschutz, etwa bei Einschr\u00e4nkungen oder Verboten im Umgang und im Handel mit gesch\u00fctzten Arten (WA, verschiedene Konventionen) sind selbstverst\u00e4ndlich\u00a0<em>Individuen<\/em>\u00a0gesch\u00fctzter Spezies, z.T. sogar Teile von Individuen als Schutz-Gegenstand gemeint und ist damit individueller Schutz unterstrichen. F\u00fcr Frau Dr. B\u00f6hning-Gaese schlie\u00dflich sei schlie\u00dflich noch eine nicht nur grundlegende\u00a0<em>moralische<\/em>\u00a0(siehe Punkt c), sondern auch\u00a0<em>rechtliche\u00a0<\/em>Grundintuition des Naturschutzes erinnert: Es ist jene historische\u00a0und im Europ\u00e4ischen Kontext geleistete, gemeinsam getragene Errungenschaft, dass Schutzw\u00fcrdigkeit unabh\u00e4ngig von der Anzahl der Individuen einer gesch\u00fctzten Spezies am Individuum greift. Weshalb man in unserem europ\u00e4ischen Kulturkreis bereits Schulkindern beibringt, dass sie Individuen gesch\u00fctzter Arten nicht verletzen oder t\u00f6ten sollen, dass sie etwa ein Vogelnest nicht herunterrei\u00dfen oder ein Kleintier nicht zertreten sollen. Das hier als erzieherisches Entwicklungsziel aufscheinende und aufzustellende Tabu w\u00e4re rechtlich nicht durchzuhalten, w\u00fcrde das Naturschutzrecht nicht mit Zuwiderhandlungen sanktionierender individueller Komponente ausgestattet sein. B\u00f6hning-Gaese zeigt ein f\u00fcr eine Biologin in solcher Stellung befremdendes Kenntnisdefizit f\u00fcr die angesprochenen Bereiche des geltenden Rechts, wenn sie den Tod eines Individuums an einer Windkraftanlage als \u201eTierschutz\u201c (!) dem Artenschutz gegen\u00fcber stellt. Die Schlagopfer oder auch Barotrauma-Opfer der Wildtiere an Windkraftanlagen, seien es Flederm\u00e4use, Insekten oder V\u00f6gel und genauso der\u00a0<em>individuelle\u00a0<\/em>Habitatverlust durch das Hineinbetonieren von kolossalen Windkraftanlagen in die Lebensr\u00e4ume gesch\u00fctzter Arten ist rechtlich eine grunds\u00e4tzliche Frage des Artenschutzes und nur nachrangig des Tierschutzes. Dieser regelt ausschlie\u00dflich (vermeidbares) individuelles Leid der Tiere in einem eigenen Rechtskreis.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Die weitere Einordnung von individuellem Wildtier-Tod an Windraftanlagen f\u00fchrt zum dritten Punkt, in dem B\u00f6hning-Gaese entweder gar nicht erst zu \u00dcberlegungen neigt, oder diesen f\u00fcr das Gefallen in Erneuerbaren-Energien-Kreisen in diesem Interview ausschweigt:<\/p>\n\n\n\n<p><strong>c. Die ethische Ebene \u2013 Individuenschutz ist ganzheitlich ethisch konsistent<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Frage, was dem Menschen bei der Befriedigung eigener Bed\u00fcrfnisse \u2013 nicht k\u00fcnstlich geweckter Bedarfe! \u2013 auch bei der Befriedigung des Energiehungers im Umgang mit den Mitgesch\u00f6pfen erlaubt ist, findet Beantwortungen im Bereich der verschiedenen Facetten einer Ethik des Naturschutzes. Hier wird die&nbsp;<em>Grundlegende Moralische Intuition<\/em>, die jedem Naturschutz vorausliegt, zum entscheidenden Stolperstein innerhalb des in diesem Falle angesprochenen&nbsp;<strong><em>Population-Individuum-Dilemmas<\/em><\/strong><em>.<\/em>&nbsp;Zitat aus Epple (2009, S.128):&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eF\u00fcr eine&nbsp;ethische Entscheidung&nbsp;zwischen Individuum, Population und Spezies gibt es keine einfache allgemeing\u00fcltige L\u00f6sung. Das \u201eInteresse\u201c eines Individuums deckt sich nicht mit dem \u201eErhalt\u201c der Population oder der Spe\u00adzies. Dies sind lehrbuchreife Grundprobleme der \u00d6kologie (Gorke 1999: 100\/101; er zitiert f\u00fcr diese Problematik z.B. Remmert) und der Etho\u00f6kologie und Soziobiologie (\u00dcbersicht z.B. Barash 1980). Nicht nur intuitiv ist jedem Experten klar, dass Individuen nicht erst in der N\u00e4he der sogenannten \u201eAusrottungs\u00ad-Schwelle\u201c f\u00fcr den Schutz einer Spezies z\u00e4hlen. Denn die Evolution arbeitet auf&nbsp;allen&nbsp;Systemebenen \u201ean der Zukunft\u201c.&nbsp;<\/em>F\u00fcr diesen Kon\u00adflikt zwischen den verschiedenen Systemebenen Population und Individuum formuliert der Naturethiker Martin Gorke (1999: 197,198; Hervorhe\u00adbungen durch Gorke):&nbsp;<em>\u201e (&#8230;) so wie es sich als unm\u00f6glich erwiesen hat, diesen Zielkonflikt \u00fcber den holistisch-systemtheoretischen Begriff des Naturhaushaltes einfach \u201ewegzu<strong>\u00f6kologisieren<\/strong>\u201c, so ist es auch nicht m\u00f6glich, ihn \u00fcber das ethiktheoretische Konzept des individuellen Interesses \u201ewegzu<strong>moralisieren<\/strong>\u201c.(&#8230;) Soll die \u00f6kologische Ethik der Zukunft eine&nbsp;<strong>kompetente&nbsp;<\/strong>Ethik sein, (&#8230;) so ist es unumg\u00e4nglich, dass sie sowohl eine individualistische als&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>auch eine holistische Dimension aufweist. In einer umfassenden \u00f6kologischen Ethik m\u00fcssen sowohl Menschen als auch nichtmenschliche Individuen als auch Ganzheiten eine angemessene moralische Ber\u00fccksichtigung finden.\u201c&nbsp;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>In Anlehnung an Gorke (1999) und Epple (2009, S.130, ausf\u00fchrlich auch Epple 2021 Kap. 5.4) kann also eine ethische Einordnung des vielfach nachgesprochenen und von B\u00f6hning-Gaese gebrauchten Abhebens auf Populationsebene vorgenommen werden. Ein solches Abheben auf Population ist ein im Rahmen der Energiewende-Diskussion stattfindender historischer R\u00fcckschritt auf eingeschr\u00e4nkte anthropozentrische Ethik-Ans\u00e4tze. Der inh\u00e4rente Zusammenhang mit dem biologischen Geschehen klammert zum Punkt a dieser Kritik: Der Ausrottungs- oder Aussterbevorgang einer Spe\u00adzies setzt sich aus dem Verschwinden von&nbsp;Regionalpopulationen, dieses aus dem Ver\u00adschwinden der&nbsp;Individuen&nbsp;zusammen. Dass mit dem Verschwinden von regionalen Populatio\u00adnen regional angepasstes Erbgut&nbsp;irreversibel&nbsp;verloren geht (bzw.gehen k\u00f6nnte), bleibt im&nbsp;<em>\u201eF\u00fcr Artenschutz-z\u00e4hlt-nicht-das-Individuum\u201c<\/em>-Argument nicht nur unter biologischer, sondern gerade auch unter&nbsp;<em>ethischer<\/em>&nbsp;Gewichtung unber\u00fccksichtigt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Umfassender&nbsp;Artenschutz beinhaltet nicht nur den \u00fcbergeordneten, sondern gerade den&nbsp;regionalen&nbsp;und lokal-<strong><em>individuellen<\/em><\/strong>&nbsp;Aspekt. Der im Rahmen der Energiewende wiederbelebte Anthropozentrismus hingegen weicht auf m\u00f6glichst h\u00f6here Ebenen, auf Population oder&nbsp;globale gar&nbsp;Aspekte aus (vgl. Gorke 1999). Dort siedelt das von B\u00f6hning -Gaese verwendete&nbsp;<em>Argument, Windr\u00e4der wirken im Sinne des Artensschutzes.<\/em><\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>Fazit: Schutz von Individuen ist Grundpfeiler des Artenschutzes<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p>Schutz von Individuen und individuellen Lebensst\u00e4tten ist aus allen dargelegten Gr\u00fcnden, aus biologischen (etho\u00f6kologischen und evolution\u00e4ren), rechtlichen und ethischen Gr\u00fcnden eine grundlegende Angelegenheit, ein Grundpfeiler des Artenschutzes. Der Tierschutz, zu dem es eine \u00dcberschneidung gibt, vertieft den stark ethisch motivierten Teilaspekt der Vermeidung individuellen Leids selbstverst\u00e4ndlich auch bei Wildtieren (etwa im Rahmen der Aus\u00fcbung der Jagd). Der tierqu\u00e4lerische Aspekt des qualvollen Todes eines durch einen abgetrennten Fl\u00fcgel langsam verendenden Greifvogels f\u00e4llt in diese \u00dcberschneidung mit dem Tierschutz. Schutz von Individuen ist aber nicht gleichzusetzen oder zu reduzieren auf Tierschutz.Die Frage der Inkaufnahme des Tods von Wildtieren an Windkraftanlagen ist aus den aufgezeigten Gr\u00fcnden demnach zuvorderst ein Problem und die Zust\u00e4ndigkeit des gesetzlich ausformulierten Artenschutzes. Das geltende Recht des Natur- und Artenschutzes hat in fachlicher, ethischer und rechtssystematischer Hinsicht eine durch das h\u00f6herrangige europ\u00e4ische Recht ausformulierte, ausgepr\u00e4gte&nbsp;<em>individuelle<\/em>&nbsp;Komponente und erstreckt sich deshalb konsistent auf den Schutz von Individuen und individuellen Lebensst\u00e4tten. Dies bedeutet nicht, dass der Artenschutz insgesamt nicht relevante populationsbiologische Erkenntnisse und Erkenntnisse \u00fcber die Fortpflanzungsstrategie von Wildtieren sowohl in den Vorschriften als auch in der praktischen Umsetzung ber\u00fccksichtigen kann und muss. Sehr wohl kann deshalb im Artenschutz zwischen einem an einer Windkraftanlage zu Tode kommenden M\u00fcckenschwarm und einem Rotmilan fachlich fundiert unterschieden werden (vertieft in Epple 2021). Die von&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>B\u00f6hning-Gaese gebrauchte Simplifizierung&nbsp;<em>\u201eim Artenschutz kommt es nicht auf jedes Individuum an, sondern die Best\u00e4nde der Population<\/em>\u201c ist fachlich, rechtlich und ethisch in solcher Pauschalierung und f\u00fcr die verschiedenen zu ber\u00fccksichtigenden Ebenen der betroffenen nat\u00fcrlichen Seinsformen unhaltbar.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die weiteren \u00c4u\u00dferungen B\u00f6hning-Gaeses zur angeblichen&nbsp;<em>\u201eInstrumentalisierung von Ornithologinnen und Ornithologen\u201c<\/em>&nbsp;durch den b\u00fcrgerlichen Widerstand gegen die Windkraftindustrie k\u00f6nnen als \u00f6ffentliches Andienen an die Windkraftlobby und Verunglimpfung eingestuft werden. Diese Behauptung wird ohne konkreten Nachweis zu Propaganda. Das gleiche gilt f\u00fcr die \u00c4u\u00dferung B\u00f6hning-Gaeses zur&nbsp;<em>\u201eVerhinderung aller Bauvorhaben\u201c<\/em>&nbsp;und \u201e<em>Wir brauchen ja die Windr\u00e4der\u2026\u201c&nbsp;<\/em>Der Nachweis, dass und wie Windr\u00e4der&nbsp;<em>\u201eim Sinne des Artenschutzes wirken<\/em>\u201c w\u00e4re in einer bilanzierenden Betrachtung erst noch zu f\u00fchren. Auch die Aussage B\u00f6hning-Gaeses zum&nbsp;<em>\u201eAusgleich h\u00f6herer Sterberaten in der N\u00e4he von Windr\u00e4dern durch Ausgleichsma\u00dfnahmen\u201c&nbsp;<\/em>entspricht zwar dem in Kreisen der Windkraftlobby und den gro\u00dfen windkraft-affinen Umweltorganisationen gepflegten Narrativ vom angeblich m\u00f6glichen \u201enaturvertr\u00e4glichen Ausbau\u201c der Windkraft. Der Nachweis, dass rein quantitative Verlustausgleiche durch \u201eArtenhilfsprogramme\u201c an anderer, von der Windkraft-Bedrohung entfernter Stelle einen im evolutionsbiologischen Sinne gleichwertigen Ersatz des Verlustes regional und lokal angepassten Erbgutes darstellen, wurde hingegen noch nicht gef\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Erkenntnisse der Feldforschung legen dagegen folgende Feststellungen als gesichert nahe: Fragmentierung von Habitaten, Arealen und Best\u00e4nden gesch\u00fctzter Arten f\u00fchren zu einer Verschlechterung der Situation im Sinne langfristig bewahrter guter Erhaltungszust\u00e4nde und der Sicherung genetischer Vielfalt. Rein quantitative Betrachtungen und Bilanzierungs-Versuche f\u00fcr Verluste an Individuen bergen dagegen die Gefahr schwerwiegender Fehlschl\u00fcsse, etwa zur genetischen Verarmung hinsichtlich lokaler Anpassung, zur Voranpassung an sich \u00e4ndernde Umweltbedingungen einschlie\u00dflich Klimawandel und zur Rolle epigenetischer Vorg\u00e4nge bei der individuellen Einpassung in die Lebensbedingungen (vertiefende Gedanken zu einigen angesprochenen Aspekten siehe Epple (2021).<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Quellen\/Literatur<\/strong>:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\" type=\"a\"><li><strong>Die \u00c4u\u00dferungen K. B\u00f6hning-Gaeses:<\/strong><\/li><\/ol>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Geinitz, C. &amp; J. Hauser (2022): Die Windkraft und der Artenschutz. FAZ.Net.&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/windkraft-leiden-voegel-und-fledermaeuse-darunter-17742436-p2.html\">https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/windkraft-leiden-voegel-und-fledermaeuse-darunter-17742436-p2.html<\/a>&nbsp;(zuletzt aufgerufen 30.03.2022)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Heinze, S. (2022): Interview mit \u00d6kologin. Windkraft auf Kosten des Artenschutzes? \u201eGrunds\u00e4tzlich alle Bauvorhaben zu verhindern ist Quatsch\u201c. RND.&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.rnd.de\/wissen\/windkraft-auf-kosten-des-artenschutzes-warum-das-nicht-sein-muss-EIMX74E2UZCVTAYLSOFX4TAF7U.html\">https:\/\/www.rnd.de\/wissen\/windkraft-auf-kosten-des-artenschutzes-warum-das-nicht-sein-muss-EIMX74E2UZCVTAYLSOFX4TAF7U.html<\/a>&nbsp;(zuletzt aufgerufen 30.03.2022)<\/p>\n\n\n\n<p>2. <strong>Im Text verwendete weitere Quellen:<em>&nbsp;<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Barash, D.P. (1980): Soziobiologie und Verhalten. 338 S. Paul Parey, Berlin und Hamburg.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Bericht des Bund-L\u00e4nder-Kooperationsausschusses zum Stand des Ausbaus der erneuerbaren Energien sowie zu Fl\u00e4chen, Planungen und Genehmigungen f\u00fcr die Windenergienutzung an Land&nbsp;22. Oktober 2021 an die Bundesregierung gem\u00e4\u00df \u00a7 98 EEG 2021.&nbsp;Berichtsjahr 2021 <a href=\"https:\/\/www.bmwi.de\/Redaktion\/DE\/Downloads\/E\/EEG-Kooperationsausschuss\/2021\/bericht-bund-laender-kooperationsausschuss-2021.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=4\">https:\/\/www.bmwi.de\/Redaktion\/DE\/Downloads\/E\/EEG-Kooperationsausschuss\/2021\/bericht-bund-laender-kooperationsausschuss-2021.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=4<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">EuGH (2021):&nbsp;Urteil des Gerichtshofes (zweite Kammer) vom 04. M\u00e4rz 2021 in den verbundenen Rechtssachen C\u2011473\/19 und C\u2011474\/19&nbsp;<a href=\"https:\/\/curia.europa.eu\/juris\/document\/document.jsf?text=&amp;docid=238465&amp;pageIndex=0&amp;doclang=DE&amp;mode=lst&amp;dir=&amp;occ=first&amp;part=1&amp;cid=5340251\">https:\/\/curia.europa.eu\/juris\/document\/document.jsf?text=&amp;docid=238465&amp;pageIndex=0&amp;doclang=DE&amp;mode=lst&amp;dir=&amp;occ=first&amp;part=1&amp;cid=5340251<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Gorke, M. (1999): Artensterben. Von der \u00f6kolo\u00adgischen Theorie zum Eigenwert der Natur. Klett \u00adCotta, Stuttgart.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Epple, W. (2009): 30 Jahre Hans Jonas \u201eDas Prinzip Verantwortung\u201c: Zur ethischen Begr\u00fcndung des Naturschutzes. Osnabr\u00fccker Naturwiss. Mitteilungen 35: 121-150.&nbsp;<a href=\"https:\/\/core.ac.uk\/download\/pdf\/14520106.pdf\">https:\/\/core.ac.uk\/download\/pdf\/14520106.pdf<\/a>&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Epple, W. (2021a). Windkraftindustrie und Naturschutz. Windkraft-Naturschutz-Ethik. Eine Studie f\u00fcr die Naturschutzinitiative e.V. (NI), 544 Seiten. Verlag BoD \u2013 Books on Demand, Norderstedt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Epple, W. (2021b): Die Pervertierung von Natur- und Landschaftsschutz am Beispiel des Ebersberger Forstes \u2013 Wie die Kr\u00f6te zum K\u00f6nig wird.&nbsp;<a href=\"https:\/\/umwelt-watchblog.de\/die-pervertierung-von-natur-und-landschaftsschutz-am-beispiel-des-ebersberger-forstes\/\">https:\/\/umwelt-watchblog.de\/die-pervertierung-von-natur-und-landschaftsschutz-am-beispiel-des-ebersberger-forstes<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Epple W. (2022): Windturbinen-Tod von Adlern, B\u00fcndnisse der Guten und moralischer Fortschritt in Zeiten der Energiewende.&nbsp;<a href=\"https:\/\/naturschutz-initiative.de\/naturschutz\/denkanstoesse\/moralischer-fortschritt-in-zeiten-der-energiewende\">https:\/\/naturschutz-initiative.de\/naturschutz\/denkanstoesse\/moralischer-fortschritt-in-zeiten-der-energiewende&nbsp;<\/a>;&nbsp;<a href=\"https:\/\/wolfgangepplenaturschutzundethik.de\/?page_id=5301\">https:\/\/wolfgangepplenaturschutzundethik.de\/?page_id=5301<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Leopoldina et al. (2020): Energiewende 2030: Europas Weg zur Klimaneutralit\u00e4t.&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.acatech.de\/publikation\/energiewende-2030\/\">https:\/\/www.acatech.de\/publikation\/energiewende-2030\/<\/a>&nbsp;(zuletzt aufgerufen 31.03.2022)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Leopoldina et al. (2021): Vorschl\u00e4ge f\u00fcr einen klimagerechten Ausbau der Photovoltaik und Windenergie.&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.leopoldina.org\/fileadmin\/redaktion\/Publikationen\/Nationale_Empfehlungen\/2021_ESYS_Impulspapier_Photovoltaik_Windenergie.pdf\">https:\/\/www.leopoldina.org\/fileadmin\/redaktion\/Publikatio\/Nationale_Empfehlungen\/2021_ESYS_Impulspapier_Photovoltaik_Windenergie.pdf<\/a>(aufgerufen 31.03.2022).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Mathys, W., Mock, T. &amp; W. Epple (2022): Warum ein \u00fcberhasteter und von allen Hemmnissen befreiter Ausbau der Windenergie keine L\u00f6sung der aktuellen Energiekrise ist.&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.gegenwind-greven.de\/\">https:\/\/www.gegenwind-greven.de\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anmerkungen aus Anlass \u00f6ffentlicher \u00c4u\u00dferungen von Prof.&nbsp;Dr. Katrin B\u00f6hning-Gaese* zu Windkraft und Artenschutz von Wolfgang Epple (Hinweis: Der hier wiedergegebene Beitrag wurde f\u00fcr die Naturschutzinitiative &hellip; <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":4739,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"om_disable_all_campaigns":false,"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[],"class_list":["post-5624","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aktuelles"],"aioseo_notices":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wolfgangepplenaturschutzundethik.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5624"}],"collection":[{"href":"https:\/\/wolfgangepplenaturschutzundethik.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wolfgangepplenaturschutzundethik.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wolfgangepplenaturschutzundethik.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wolfgangepplenaturschutzundethik.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5624"}],"version-history":[{"count":21,"href":"https:\/\/wolfgangepplenaturschutzundethik.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5624\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5704,"href":"https:\/\/wolfgangepplenaturschutzundethik.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5624\/revisions\/5704"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wolfgangepplenaturschutzundethik.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/4739"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wolfgangepplenaturschutzundethik.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5624"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wolfgangepplenaturschutzundethik.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5624"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wolfgangepplenaturschutzundethik.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5624"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}