April 9, 2020

Nur das geschonte Leben offenbart sich

Hans Jonas hat bereits vor 40 Jahren gemahnt: 

„(…) dass gerade die vom Menschen nicht veränderte und nicht genutzte, die „wilde“ Natur die „humane“, nämlich zum Menschen sprechende ist, und die ganz ihm dienstbar gemachte die schlechthin „inhumane“. Nur das geschonte Leben offenbart sich.“

Zitat aus Jonas,  H. (1979, Seite 373): Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation. 426 S. Insel Verlag, Frankfurt/M.

Geschontes Leben?

Das Foto über dem Menü zeigt ein naturbelassenes Buchenaltholz am Brotjacklriegel im Vorderen Bayerischen Wald, das Foto unter dem Menü ist ein Blick über einen weitgehend vom Menschen ungenutzten Bergfichtenwald auf den Plöckensteiner See im Böhmerwald (beide Fotos: Wolfgang Epple).

In unserer weltweit und durch und durch vom Menschen beeinflussten, zunehmend zersiedelten, betonierten, asphaltierten, mit Artefakten und unseren Hinterlassenschaften überfüllten Welt sind die letzten Reste ursprünglicher Wildnisse besondere Rückzugsorte für die Pflanzenwelt, Wildtiere und für den Menschen: Geschontes, noch verschontes Leben.

Auch in den von Menschen geformten Kulturlandschaften gibt es viele Möglichkeiten, das Leben zu schonen, zu schützen, zu pflegen. In den folgenden Seiten werden Beispiele gezeigt…

Geschontes Leben dankt uns individuell

Ein Aspekt des besonderen Wertes echter Natur-Reservate ohne Nutzung: In Gegenden, in denen nicht gejagt wird, ist auch heute noch eine auf Seiten des Wildtieres angstfreie und auf Seiten des Menschen beglückende und aufregende Begegnung Mensch/Wildtier möglich, und das oft aus „nächster Nähe“. Dies gilt nicht nur für die großen und bekannten Nationalparks in Afrika, Amerika oder Asien:

Der Tiger galt in der früheren Literatur als nachtaktiv und scheu. Durch Schonung in den letzten Reservaten seines Vorkommens in Indien ist in Schutzgebieten heute ein Begegnung am helllichten Tag möglich. Die Aufnahme entstand im Corbett-Nationalpark, Indien. Foto: Wolfgang Epple
Der asiatische Elefant ist wie sein afrikanischer Verwandter Gegenstand von Konflikten und Schutzbemühungen gleichermaßen. Das Eindringen in die angestammten Lebensräume und deren Umgestaltung („Landnutzungswandel“) durch den Menschen und das Töten von Elefanten, um an Elfenbein zu gelangen sind Hauptursachen vor die Gefährdung heutiger Elefantenbestände. Das Foto entstand im Corbett-Nationalpark, Indien. Foto: Wolfgang Epple
Abruzzengämse im italienischen Nationalpark der Abruzzen. Dort werden Gämsen nicht bejagt, weshalb sie bei Annäherung des Menschen nicht fliehen. Das Foto entstand aus wenigen Metern Entfernung. Foto: Wolfgang Epple

Luchs, Wolf und Bär: Die großen Drei unter den einheimischen Beutegreifern wecken weiterhin Ängste, Ablehnung und teilweise Hass. Auf der anderen Seite aber gibt es auch Bewunderung und Fürsprache für ihren zurecht bestehenden gesetzlichen Schutz über das europäische und innerstaatliche Naturschutzrecht. Ihre Rückkehr in angestammte Lebensräume ist Musterbeispiel und Nagelprobe für ein weiter entwickeltes Naturverständnis, Nagelprobe für die Schonung des Lebens.
Fotos: Wolfgang Epple

Unter dem Thema Schutz von Arten im Interessenkonflikt finden sich weitere Nagelproben für Leben, das sich nur unter Schonung offenbaren kann.

Stadt, Bedeckt, Gebäude, Skyline, Wolkenkratzer
Hafen, Fabriken, Fabrik, Alte Fabrik
Gewässer, Natur, Fluss, Baum, Landschaft, Lake, Berge

Auch Skylines der Metropolen, Wahrzeichen der urbanisierten Endstadien von Menschen geprägter Kulturlandschaft, sind ästhetisch reizvoll. Könnte die Menschheit aber ohne naturnahe Ausgleichsräume für die rasch wachsenden Städte und ohne die Wildnis leben, überleben? Welche intuitive Hintergrundinformation, welche Reize empfangen wir aus verschieden stark vom Menschen veränderten Landschaften? Fotos: Pixabay.com.

In den folgenden Seiten wollen wir bei der Ergründung der Mensch-Natur-Konflikte ein besonderes Augenmerk auf die Schlüsselbegriffe des Naturschutzes richten: Schönheit, Eigenart, Vielfalt.

Ganzheitlichkeit des Naturschutzes

… wird hier ausdrücklich nicht als dogmatisch geschlossenes Konstrukt oder gar philosophisch bereits abgeschlossenes Denksystem verstanden. Vielmehr wird der Begriff als ein in freier Betrachtung entstehender Vorschlag für eine möglichst tiefe und weite Sicht des Auftrages der Menschheit interpretiert: Es ist der Auftrag, Verantwortung zu übernehmen und die Schöpfung zu bewahren (Schöpfung als Metapher für die natürliche Stammesgeschichte; Epple 2006, 2009). Ausdrücklich vertrete ich dabei die Auffassung, dass der Mensch als eine Spezies unter Millionen innerhalb des natürlich Gewordenen eine Sonderstellung hat und diese Sonderstellung gerade unter Anwendung des Evolutions-Paradigmas begründet werden kann. Diese Sonderstellung entsteht aus Vernunftbegabung und im Wortsinne einzigartiger Kreativität unter Anwendung aller geistigen inklusive der spirituellen Begabungen.

Zitat aus Epple (2009): „(…) Noch weniger steht die Sonderstellung des Menschen in Frage: Der Mensch ist vermutlich nicht Ziel und nicht Zentrum des Universums. Die Entfaltung der höchsten geistigen Integrations- und Subjektivitätsstufe begründet jedoch seine wertetheoretische Sonderstellung (…). Mit der aus dieser Sonderstellung gespeisten Macht „über Alles“ ist auch Verantwortung „für Alles“ entstanden. Dies erreicht unser Bewusstsein als bestürzende Erkenntnis, dieses „Alles“ in Folge des eigenen Handelns verlieren zu können. Wollten wir uns aufgrund unserer Sonderstellung „Krone“ der „Schöpfung“  nennen, trifft uns die aus der höchsten Freiheit, höchsten Rechten zugewiesene höchste Pflicht: Wir sind in der gesamten von uns überschaubaren Natur das einzige Verantwortung erkennende und Verantwortung bewusst  lebende Geschöpf. Hierauf begründet sich unsere weitere, die moralische Sonderstellung: Unsere Spezies ist das Macht- und Verantwortungszentrum des heutigen Evolutionsgeschehens (vgl. Epple 2006a).“

Ethische Konsequenzen

Ganzheitliche Auffassung des menschlichen Auftrages hat ethische Konsequenzen. Unter Einbeziehung verschiedener Ansätze (insbesondere Martin Gorke, Konrad Ott, für die Naturethik plausibel erscheinende Teile des integralen Ansatzes von Ken Wilber) werden in den folgenden Seiten die Defizite im Naturschutz-Diskurs beleuchtet, die immer wieder auf ethische und moralische Fragen der Nachhaltigkeit und des Verhältnisses Mensch/Natur zurückführen. Ganzheitliche Sicht auf den Umgang des Menschen mit der Natur schließt dabei an fundierte Kritik des moralischen Anthropozentrismus an, die durch Hans Jonas in seinem 1979 erschienenen und oben zitierten Hauptwerk „Das Prinzip Verantwortung“ eingeleitet wurde (eine Würdigung unter naturschutzethischen Gesichtspunkten zum 30-jährigen Bestehen dieses Werkes unter Einbeziehung der erwähnten Ansätze hier).