September 25, 2022

ZDF, Windkraft, Rotmilan: Verbreitung von Tendenz und falschen Schlüssen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen

Wolfgang Epple, 26. April 2022; aktualisiert am 25.07.2022

„Ein kleiner Moment der Wahrhaftigkeit. Das ist das, worum es geht… 

Mit dem Zweiten sieht man besser“

Das vollmundige Zitat stammt von Fernsehmoderator Markus Lanz. Es wurde in einem der vielen Selbstlob-Werbespots des ZDF („Mit dem Zweiten sieht man besser…“) im März 2022 wiederholt ausgestrahlt (fette Hervorhebung des Begriffs Wahrhaftigkeit durch WE).

Was versteht das öffentlich-rechtliche, zum Großteil aus Rundfunk-Beiträgen* finanzierte ZDF unter Wahrhaftigkeit, wenn es um Energiewende, Windkraft und Naturschutz geht? Wie geht man dort mit Fakten und Komplexität der Realität um?

*Der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland finanziert sich hauptsächlich über den Rundfunkbeitrag. 18,36 Euro zahlt jeder Haushalt monatlich an den Beitragsservice von ARD, ZDF und Deutschlandradio.
4,69 Euro, rund eine halbe Kinokarte, das ist der Betrag, den das ZDF davon bekommt

Wahrhaftigkeit bei ZDF (und ARD) – welcher „Wahrheit“ fühlen sich öffentlich-rechtliche Rundfunk-Sender in Deutschland verpflichtet, wenn es um die Energiewende geht?

Am 22. Februar 2022 wird für das ZDF ein Beitrag angekündigt, der einen schon lange erkennbaren Mangel an Objektivität und Faktentreue offenlegt:

In Berichten des deutschen Fernsehens herrscht, wenn es um die Energiewende geht, besonders bei der Darstellung und Verarbeitung des bürgerlichen Widerstandes und bei der Beleuchtung von Naturschutzproblemen rund um die Erneuerbaren Energien erschreckende Tendenz und Einseitigkeit (u.v.a. Beispiele in meinem Buch zum Konflikt, Epple 2021, und auf dieser Homepage, z.B. unter der Seite Windkraft in den Medien ).

Energiewende: Einseitigkeit als Programm und Methode

Einseitige und häufig hinsichtlich der Wahrheit nicht belastbare bzw. nicht ausgewogene Recherchen beziehen sich dabei nicht nur auf die gesellschaftlichen Konflikte, die rund um die Energiewende entstehen. Einseitigkeit und Tendenz erreichen zunehmend auch Bereiche der vorgeblich wissenschaftlich orientierten Berichterstattung. Es geht um Fakten, die in der wissenschaftlichen Öffentlichkeit zwar in Teilen kontrovers diskutiert werden , die jedoch längst belastbare Hinweise auf real nachgewiesene Gefahren des Ausbaus der Erneuerbaren Energien liefern.

Besonders rund um den Ausbau der Windkraft ist die kritiklose Verbreitung von Halbgarem, Halbwahrem, Voreiligem, teilweise schlicht Falschem und die einseitige Wiedergabe von Propaganda-Verlautbarungen der Windkraftbranche und ihrer Unterstützer aus Politik und Verbänden inzwischen Legion (Beispiele in Epple 2021).

Der hier kritisierte „frontal“-Beitrag des ZDF ist also leider keine Ausnahme, sondern eines unter vielen Beispielen notorischer Verletzung der journalistischen Sorgfaltspflicht und der Pflichten der öffentlich-rechtlichen Sender aus dem Rundfunkstaatsvertrag. Zu diesen Pflichten gehört Ausgewogenheit, Förderung der europäischen Integration und des gesellschaftlichen Zusammenhaltes. Hier sei deshalb an den § 11 (2) RStV ausdrücklich erinnert:

„(…) Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten haben bei der Erfüllung ihres Auftrags die Grundsätze der Objektivität und Unparteilichkeit der Berichterstattung, die Meinungsvielfalt sowie die Ausgewogenheit ihrer Angebote zu berücksichtigen.“ 

Schon die Ankündigung des Beitrags auf der Homepage des ZDFTendenz und Falschinformation…:

Das ZDF hat trotz einer fundierten Programmbeschwerde und der Widerlegung etlicher Aussagen, und trotz des Zurückruderns des Magister Raab, den Beitrag nicht vom Netz genommen. (Screenshots 18. März 2022 und 25.Juli 2022). Auszug aus Magister Raabs vielsagender Distanzierung; wörtlich zitiert: „(…)Die meisten Vögel wurden im Nest besendert. Das führt dazu, dass auch Verluste im Nest (hauptsächlich Prädation) berücksichtigt werden, die im Vergleich zu den anderen Todesursachen überproportional häufig auftritt.(…) Die im Beitrag angesprochenen Zwischenergebnisse beziehen sich auf alle im Projekt auswertbaren Rotmilane. Diese Ergebnisse sind nicht per se auf die aktuelle Debatte um Todesursachen vom Rotmilan in Deutschland übertragbar (auch wenn dies im Beitrag so dargestellt wurde), da die Todesursachen in Europa ungleichmäßig verteilt sind.(…)

Bemerkenswert ist neben den grob irreführenden Falschbehauptungen zur Situation des Rotmilans („Das Märchen(!) vom bedrohten Greifvogel“)und dem angeblichen „Scheitern eines Großteils der Projekte“ an diesem Greifvogel die jeweilige Vor-Festlegung beider Sender auf das MUSS des Ausbaus der Windkraft, um die Klimaziele zu erreichen. Bereits diese inzwischen täglich in den Medien wiederholten – gleichwohl fragwürdigen – Formulierungen bergen eine Erklärung für Tendenz und Irreführung im hier aufgegriffenen Machwerk.

Postwendend, am selben Tag übernimmt die ÖR ARD für die „tagesschau“ die faktisch falschen Schlagzeilen aus dem „Frontal“-Machwerk kaum verändert und nur marginal abgeschwächt (Screenshot der Tagesschau-Darstellung im Internet, 18. März 2022)

Einige wörtliche Kostproben der Formulierungen in der Darstellung des ZDF/Frontal/Magister Raab (fette Hervorhebung durch WE): „(…)scheitert der Neu- oder Ausbau von Windkraftanlagen in Deutschland regelmäßig vor Gericht. Naturschützer klagen, weil der Rotmilan durch Windräder einem deutlich erhöhten Todesrisiko ausgesetzt sei, vor allem wenn er in der Nähe brütet. Rotorblätter würden den Greifvogel erschlagen. Das bedeutet in der Regel das Aus für neue Windräder. Die neuen Forschungsergebnisse könnten dem nun ein Ende setzen. Raab hat dank GPS die Flugbewegungen derjenigen Rotmilane verfolgt, die in der Nähe von Windparks brüten. Sein Fazit: „Die Regel ist, dass sich die Rotmilane tausend Stunden im Windpark bewegen können, ohne dagegenzufliegen(…)Tatsächlich hat sich der Rotmilan in Europa hervorragend entwickelt. Die Vogelschützer von „BirdLife Europe“ nennen das eine „bemerkenswerte Erfolgsstory“. So steht es auch in deren aktueller Roten Liste der Brutvögel. Dort wurde der Rotmilan in die beste Kategorie hochgestuft: „least concern“ – das heißt so viel wie „geringste Sorge“. Auch in Deutschland hat sich die Zahl der Rotmilan-Brutpaare positiv entwickelt – ausgerechnet in der Zeit, in der fast 30.000 Windräder aufgestellt wurden.

Sofort nach Ausstrahlung und schon davor bereits direkt nach Ankündigung des Machwerks durch die reißerischen Dachzeilen setzte eine intensive – von Experten- und Naturschutzseite durchweg sachliche und an Fakten orientierte – Reaktion in der Öffentlichkeit ein.

Trotz der früh einsetzenden sachlich-fundierten Gegenrede: Die offensichtlich gewünschte und von den Beitrag-Machern sicher kalkulierte Wirkung blieb nicht aus:

Folgen grober Irreführung der Öffentlichkeit durch das ZDF

Windkraftprotagonisten und Fanatiker feierten den „frontal“-Beitrag an Häme grenzend als endgültigen Sieg über den seit Jahren von dort zunehmend schrill bekämpften Artenschutz.

Ich verzichte hier auf Darstellung oder Verlinkungen auch nur einer der vielen nachplappernden und eifernden Wortmeldungen aus diesen Reihen. Meinen Lesern gelingt das Auffinden mit wenigen Mausklicks.

An allen Ecken und Enden blieb die Wirkung nicht aus…Tenor:

Was die Artenschützer in Sachen Windkraft bemängeln, stimmt von vorne bis hinten nicht. Dem Rotmilan geht es in Europa so gut, dass er überhaupt nicht gefährdet ist. Und: Windkraft ist das kleinste Problem für diese Greifvögel….

Trotz vielfacher fachlicher Entkräftung – der Schaden bleibt angerichtet

Zur Einseitigkeit des Berichtes und zur Voreiligkeit der dort wiedergegebenen Aussagen eines seit Jahren für die Windkraftindustrie arbeitenden Gutachters habe ich für die Naturschutzinitiative e.V. zeitnah zweimal öffentlich Stellung bezogen:

https://naturschutz-initiative.de/images/PDF2022/ZDFARDWindkraftRotmilanEpple.pdf

Dort habe ich auch eine bewusst grobe, aber inzwischen durch eine sehr dezidierte Studie zu Flug-Aktivität und Fughöhen der Rotmilane (Pfeiffer & Meyburg 2022) bestätigte Gegenrechnung zur 1000-Stunden-Aussage des Windindustrie-Auftragsforschers angebracht.

In meiner zweiten Stellungnahme für die NI e.V. habe ich das Zurückrudern des Urhebers Magister Raab beleuchtet und in die politische Entwicklung eingeordnet:

https://www.naturschutz-initiative.de/images/PDF2022/RotmilanWindkraftZDF.pdf

Mit kleiner zeitlicher Verzögerung gab es weitere für das ZDF und die beiden Autoren des Beitrags vernichtende Stellungnahmen. Insbesondere für den feldornithologischen und ethoökologischen Bereich, wenn es um die Situation des Rotmilans hinsichtlich Bestand und Gefährdung als Windkraft-Schlagopfer geht, ist die Faktenlage völlig anders als durch das „fontal“-Machwerk bereits in der Überschrift suggeriert.

Ausdrücklich sei auf das umfangreiche Datenmaterial der Staatlichen Vogelschutzwarte LfU Brandenburg mit ausführlicher Literaturauswertung verwiesen (Rotmilan dort unter Punkt 1.12). Ein wichtiger Befund; wörtlich zitiert (Aufruf 25.07.2022; fette Hervorhebung durch WE):

Der Anteil der Funde an WEA mit hohem Rotor-Boden-Abstand (>80 m) ist
enorm gestiegen: bis Ende 2009 lag er bei 0 % (n=71), von 2010 bis 2022 bei
21,8 % (n=326). Auch die Nabenhöhe der WEA mit Rotmilanfunden reflektiert
die Gefährdung an hohen WEA: bis Ende 2009 fielen 29,8 % der Funde auf
WEA mit >80 m Nabenhöhe (n=67), von 2010 bis 2022 waren es 63,5 %
(n=335). Eine Zunahme des Rotor-Ø führt ebenfalls nicht zu einer Abnahme
von Verlusten: bis Ende 2009 fielen 6,8 % der Funde auf WEA mit >80 m Rotor-
Ø (n=73), von 2010 bis 2022 waren es 44,4 % (n=349). Die These, WEA
würden aus dem Flugbereich der Rotmilane „herauswachsen“ und damit das
Risiko mit höheren WEA abnehmen, lässt sich damit nicht bestätigen
(T. DÜRR
unveröff.)

Die dezidierte Stellungnahme der „Fachgruppe Rotmilan“ sei hier verlinkt:

http://www.nw-ornithologen.de/images/textfiles/positionen/2022-03-11_stellungnahme_rotmilan_todesursachen_wea.pdf

In allen Stellungnahmen gibt es Hinweise auf weiterführende Literatur.

Magister Raab, der letztlich für einige der zur gezielten medialen Fehldarstellung benutzten Aussagen des „frontal“-Berichtes verantwortlich zeichnet, ruderte zwar mit einer eigenen Pressemitteilung bereits einen Tag nach Ausstrahlung am 23.02.2022 zurück. Der Schaden für den Naturschutz aber war und bleibt angerichtet.

Rotmilan im Jagdmodus. Foto: Harry Neumann/Naturschutzinitiative e.V.

Kein Einsehen bei ZDF und ARD?

Obwohl am 03. März 2022 eine ausführlich begründete Programmbeschwerde eingereicht wurde, ist der Tendenz-Beitrag (letzter Aufruf am 25. Juli 2022) unverändert auf der Homepage des ZDF abrufbar.

Zur Konflikt-Thematik Rotmilan und Windkraft sind weitere Beispiele der Verzerrung von Fakten auf dieser Homepage unter der Seite Windkraft und Artenschutz Spezielles aufgegriffen und dort auch richtig gestellt.