Juni 1, 2020

Schlüsselbegriffe des Naturschutzes I: Schönheit

Schönheit der Natur – ein Konstrukt?

Das Foto zeigt eine hochalpine Landschaft in den Süd-Alpen. Foto: Wolfgang Epple

Schon der erste Schlüsselbegriff des Naturschutzes führt in eines der zentralen aktuellen Konfliktfelder: Was ist schützenswert an der Landschaft, an der Natur? Ist Schönheit ein hinreichendes, überhaupt noch ein zulässiges Argument für den Schutz? Immerhin waren die allerersten Bemühungen um den Schutz der Natur stark ästhetisch motiviert. Haben die Schlüsselbegriffe Schönheit, Eigenart und Vielfalt grundlos Eingang in das Naturschutzrecht gefunden?

Sicher ist: Das Problem der „Hirnforschung“ findet sich auch in Problemen des Naturschutzes:

Es ist die starke Betonung des rein Äußerlichen, Zählbaren, Messbaren: Kann aus messbaren Reaktionen (Hirnströmen) auf die Innenwelt der Probanden geschlossen werden? Liefert die Befragung von noch so vielen Menschen, etwa in sozialwissenschaftlichen Arbeiten, pauschal gültige Ergebnisse für das, was „schön“ ist? Lässt sich individuell empfundene Schönheit objektivieren? Oder muss man sie als reines Konstrukt abtun? Gibt es stammesgeschichtliche Grundlagen der menschlichen Ästhetik? Äußerlich gegen Innerlich: Ein Leib-Seele-Problem des Naturschutzes (Epple 2009, S.119)?


Ästhetik befasst sich mit einer der Grundsäulen des Menschseins. Neben dem Wahren und dem Guten (heute würden wir Wissenschaft und Moral sagen), ist das Schöne seit der griechischen Antike Gegenstand tiefgründiger Überlegungen. Ästhetik, wie ich sie hier im Zusammenhang mit Naturschutz verwenden will, also auch das Empfinden und Bezeichnen der Schönheit einer Landschaft, eines Lebewesens oder „der Natur“, ist in der subjektiven Innenseite des menschlichen Kosmos angesiedelt.


Sind uns Apollo- und Aurora-Falter sympathisch und schützenswert, weil sie schön sind? … Fotos. Apollo: Wolfgang Epple; Aurorafalter: Brita Heck
….sympathischer und schöner als eine Wiesenschnake? Foto: Pixabay

Jeder kennt den Satz: Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Dieser wird gerne angeführt, wenn es darum geht, „Schönheit“ als Argument des Naturschutzes zu relativieren oder zu diskreditieren, etwa im Konflikt um die Industrialisierung von Landschaften mit Windkraftanlagen.

Intuition und Emotion – Voraussetzung jeden Naturschutzbemühens

Ausdrücklich aber, so die hier vertretene Auffassung von Ganzheitlichkeit, sind grundlegende Emotionen und Intuition erlaubt in der Austragung von Konflikten um den Erhalt der Natur (s. Epple 2017). Schönheit und Ästhetik sind nicht zu trennen von der Intuition von Wert der Natur und Verantwortung für ihren Erhalt; wörtliches Zitat aus Epple (2009, S.119) „(….)Den Beweggründen jedes Natur­schutzbemühens jedoch liegt eine Intuition von „Wert“ und „Verantwortung“ voraus (…) Trotz der jedem Menschen erfahrbaren Evidenz dieser Intuiti­on muss man sich einer „gefühlsbetonten“ Argumentation in Naturschutzfragen fast schon schämen. Daten und Fakten genügen doch zum „Recht haben“, oder? Unsere Kon­flikte um die Natur sind aber nicht nur empi­risch-­wissenschaftliche Herausforderungen, sondern von jeher auch Angelegenheit menschlicher Moral.“

Aspekte, die von Intuition zu Ethik und Moral führen, verfolgen wir an anderer Stelle. Hier sei die Frage nach dem Empfinden und nach Berechtigung des Argumentes der Schönheit von Natur und Landschaft weiter vertieft:

Geteiltes Schönheitsempfinden, ein Phänomen der Resonanz

Für (geteiltes) Schönheitsempfinden entsteht die Frage, inwieweit individuelle Prägung und im Laufe der Sozialisation (etwa im Schulunterricht) erarbeitete bzw. eingeübte Kognition von vorbestehender Intuition überlagert wird. Wenn ja, wie ist Intuition am Werke?  Was teilen die Menschen und wie teilen sie es? Es ist die Frage nach aktuell bestehenden Resonanzen.

Ergeben sich vom Umgebungs-Milieu und von Sozialisation unabhängige, „hartnäckige“ Universalien des Empfindens, ist dies ein Indiz für hinter diesen Universalien „wohnende“ und wirkende stammesgeschichtlich bedingte Wurzeln. Ein Wetterleuchten unserer eigenen Evolution. Bei der schönsten aller Künste (aus bescheidener Sicht des Verfassers), der Musik, zweifellos eine Angelegenheit der Ästhetik, gibt es mit dem Hörapparat ein gemeinsames stammesgeschichtlich entwickeltes Sinnesinstrumentarium, das allen Menschen der Erde eigen ist. Die Resonanz unter 3000 Besuchern eines Klassik-Konzertes oder unter 50.000 Besuchern eines Open-Air-Events ist für jeden, der dabei ist, ein wundervolles urmenschliches Erlebnis und Beleg für die Universalie des Hörens von Harmonik, Rhythmus, für das geteilte (und mindestens teilweise stammesgeschichtlich erworbene) Empfinden einer Schönheit. Nicht umsonst schlägt sich das Hörempfinden nieder im weltweit konvergenten „Hörgenuss“, im weltweiten Teilen des Dur-Quinten-Zirkels, der sich auf dem Griffbrett einer Gitarre oder der Tastatur von Orgel und Klavier „wiederfindet“. Dem widerspricht übrigens nicht, dass es wissenschaftliche Untersuchungen gibt, die zeigen, dass es Menschen gibt, denen Harmonien und Tonhöhen so rein gar nichts sagen…

Schönheit von Landschaft und Natur – alles relativ?

Nicht vollständig zivilisatorisch überformte Landschaft, insbesondere die noch vollkommen wilde oder doch wenigstens eine naturnahe, bietet Raum für die Erholung und Gesundung des Menschen. In den nicht bebauten Naturflächen regenerieren sich auch wichtige Lebensgrundlagen wie Trinkwasser und Atemluft. Die Balance zwischen Bebauung, landwirtschaftlichem Anbau für die Ernährung und der Natur ist unbestreitbar Voraussetzung für unser Leben und Überleben, für ein gutes Leben der Menschen und das Überleben anderer Arten.

Sollte das Auge nicht vergleichbar dem Gehör stammesgeschichtlich gesichert zum Empfinden von Schönheit und Harmonie beitragen?

Unberührte Gebirgsnatur mit Wald, Wasser, Bergen. Gibt es schon beim Anblick und erst recht beim Erwandern eines solchen Tales eine intuitive Erfahrung von Naturschönheit? Ist es ein Konstrukt, diese Landschaft als „schön“ zu bezeichnen? Foto: Wolfgang Epple

Ist Schönheit einer Landschaft, neben ihrer Eigenart und Vielfalt immerhin Grundbegriff des Naturschutzrechtes, nur eine Frage persönlicher Prägung, der Gewöhnung, uns gar andressiert und damit Ergebnis jeweils nur individueller Konstruktion? Ist im Zusammenhang mit einem der Grundpfeiler des Menschseins, der hier betrachteten Ästhetik, in Bezug auf Landschaft und Lebensräume alles „relativ“? Bilden wir uns Naturschönheit, eine der Hauptintuitionen und frühesten Begründungen des Naturschutzes, nur ein? Besteht ein innerer Zusammenhang zwischen Schonung des Lebens und Schönheit von Natur und Landschaft? Ist das Schönheits-Argument des Landschaftsschutzes stark von der Romantik geprägt, wie beispielsweise die Verfechter des Umbaus unserer Landschaften in „Energie-Landschaften“ behaupten?

Dass gerade auch die Wildnis oder ein kaum industrialisierter naturnaher Zustand der Kulturlandschaft zu uns „spricht“, kann auch durch den fragwürdigen Konstruktivismus einiger Landschaftstheoretiker* heutiger Prägung nicht weggeredet werden. Ist das tatsächlich erst seit der Romantik so?

Warum suchen Menschen weltweit für Erholung und Urlaub Berge, Wälder, Seen oder die Meeresküsten auf, und nicht das Ruhrgebiet, nach eigenen Angaben die Heimat des im Folgenden zitierten Prof. Dr. Dr. O. Kühne? Ist Landschaft keine Realität, sondern nur Konstrukt?

*„(…)Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive ist Landschaft nicht ein objektiver physischer Raum, sondern wird von unterschiedlichen Menschen sehr unterschiedlich konstruiert. „ (Prof. Dr. Dr. O. Kühne in einem „Interview zu Landschaftsbild und Energiewende“ der Initiative „Bürgerdialog Stromnetz“).

Könnte es sein, dass es mehr als konstruierte Begriffe sind, die uns veranlassen, eher für Urlaub und Erholung in die Berge zu fahren, anstelle in den hier zu sehenden Teil des Ruhrgebiets? Foto: Ruhrgebiet pixabay

Der Streit kann hier nicht entschieden werden. Als Biologe gewinne ich dem Ansatz der evolutionären Erkenntnistheorie einiges ab und halte die Einwände gegen diese für durchaus bedenkenswert. Ich tendiere zur Auffassung, dass menschliche Erkenntnis und Begriffsbildung an einer real bestehenden und auch selektierenden Umwelt entwickelt und optimiert wurden. Der „Selbstbezug“ des menschlichen Bewusstseins kann uns dabei zwar manchen Streich spielen. Wer je von einem Hund gebissen wurde oder von einem Pferd abgeworfen wurde, dürfte das Bestehen einer realen, selektierenden und unser Empfinden beeinflussenden Welt nicht kategorisch in Frage stellen…

Heimat – ein schillernder Begriff

Nicht in Frage stehen soll, dass der oft fehlbenutzte und ebenso oft fehlgeschmähte Begriff „Heimat“ weniger durch die Naturwissenschaften, als vielmehr durch die Sozialwissenschaften hinterfragt werden kann und soll. Dieser Begriff mag ein Konstrukt sein. Prägung, Lernen und Sozialisation spielen hinein in das, was Menschen als „Heimat“ definieren und in Folge erhaltenswert empfinden und gegen Veränderung schützen wollen. Das gilt nach seinem Bekunden auch für den im Ruhrgebiet beheimateten Prof. O. Kühne.

Habitatwahl des Menschen? Bezug zur „Heimat“?

Für die weltweit stark differenzierte Habitatwahl des Menschen aber sind nach heutiger Kenntnis wie für andere Spezies dennoch stammesgeschichtlich erprobte Anpassungen und Grundlagen wirksam gewesen. Die Frage ist: Sind sie es bis heute? Welche Landschaften mit welcher Ausstattung haben unsere Vorfahren auf ihren Jahrtausende dauernden weiten Wanderungen während der Eroberung der Erde angesprochen und sie zum Versuch einer (in der Zeit nomadischer Lebensweisen zunächst vorübergehenden) Bleibe eingeladen? Sind Universalien der Bevorzugung bestimmter „Landschaftsbilder“ nicht Hinweise auf eine evolutionär stabile Strategie (ESS), gerade auch bei der Bevorzugung bestimmter Lebensraumtypen durch den Menschen ? Was hat zu welchen Siedlungsmustern geführt?

Was hat sich in der Landschaftsausstattung bewährt? Was beschützt und ernährt den Menschen? Spielt (auch) unser intuitives Schönheits-Empfinden mit hinein? Oder ist es umgekehrt die als Lebensraum bewährte Landschaft, die unser Schönheitsempfinden möglicherweise über Jahrhunderttausende beeinflusst und geprägt hat? Warum sind halboffene, baumreiche und/oder teilweise bewaldete Landschaften, bereichert mit Wasser in Form von Quellen, Flüssen oder Seen, warum sind flache Meeresküsten oder höhlenreiche Mittelgebirgslandschaften mit möglichst vielseitigen Ausstattungsmerkmalen bis heute für uns attraktiv? Alles nur konstruiert? Ist das plausibel?

Diese Frage nach unseren Habitatpräferenzen begegnet uns wieder, wenn es um die Ergründung der Zusammenhänge zwischen Biodiversität, also Artenvielfalt, und Bevökerungsdichte in den heutigen Siedungsmustern des Menschen auf der Erde geht. Denn menschliche Siedlungsschwerpunkte entstanden geschichtich dort, wo es auch besonders vielseitiges Leben auf der Erde gibt.

Als Ergebnis zur Betrachtung der Schönheit von Natur, Lebewesen und Landschaft bleibt festzuhalten: Schönheitsempfinden ist nicht in Relativismus abzuschaffen. Ästhetik begleitet das Menschsein von Anbeginn an. Intuitiv und emotional mit der Schönheit natürlicher Entitäten für den Naturschutz zu argumentieren, ist berechtigt. Die Diffamierung des ästhetischen Argumentes ist eines der Defizite speziell in der Debatte um die Verschandelung von Natur und Landschaft im Rahmen der sogenannten Energiewende.

Naturnahe Wälder und ein Fluss im nicht begradigten Zustand. Die meisten Menschen empfinden eine solche Umgebung intuitiv als „schön“. Dieser Befund lässt sich nicht als jeweils individuelles Konstrukt einzelner Individuen relativieren. Das Bild entstand an der Vydra im Böhmerwald. Foto: Wolfgang Epple
Die optische Entwertung weiter Teile des norddeutschen Tieflandes durch die Windkraftindustrie kann sehr wohl unter dem Gesichtspunkt der Landschaftsästhetik als historischer Niedergang bezeichnet werden. Dies ist die Realität des Umbaus großer Regionen Deutschlands in sogenannte Energielandschaften. In großen Teilen Ostfrieslands ist die ehemalige sprichwörtliche Weite der Horizonte und das Erlebnis eines großen über das Land gewölbten Himmels durch Windindustrie gestört oder unmöglich gemacht. Den Einspruch gegen und das Unbehagen über solch brachiale Eingriffe auf „individuelle Konstrukte“ der jeweiligen betroffenen Menschen zu reduzieren, s.o. Äußerungen von O. Kühne, ist absurd. Man beachte die Dimension und Größen-Relation zwischen Gebäude und Windkraftanlage am rechten Bildrand, um einen Eindruck zu bekommen, was „optisch bedrängende Wirkung“ bedeutet. Das Bild entstand 2018 im Widdelswehrer Hammrich bei Emden, Niedersachsen. Foto: Eilert Voß
Andreas Schelfout, Kunst, Künstlerischen, Malerei
Andreas Schelfhout (1787-1870): Winterlandschaft. Abbildung: Pixabay. Wer – wie der Betreiber dieser Homepage – lange an der Nordseeküste gelebt hat, kennt die ästhetische Erfahrung des flachen Landes mit einem darüber gewölbten, je nach Wetterlage bisweilen dramatisch schönen Himmel. Insbesondere Tiefdruck-Rückseiten liefern nach Durchgang der Kaltfront und Aufklaren gegen Abend solche Stimmungen. Die Anmutung bzw. Empfindung einer Harmonie zwischen Himmel und Erde wurde von den Landschaftsmalern der „Romantik“ vielfach sehr naturalistisch eingefangen. Im Zuge der Entwertung solcher Landschaften und weiten Horizonte durch die Windkraftindustrie wird in der Auseinandersetzung das Ästhetik-Argument und damit der emotionale Zugang zur Schönheit einer Landschaft häufig als überkommen oder hoffnungslos rückwärtsgewandt verächtlich gemacht (s.o.; weitere Beispiele in Epple 2017). Man beachte die Dimension der sich in die Landschaft optisch einfügenden Windmühlen.
Es gibt sie, diese Himmel, die Landschaftsmaler der „Romantik“ gemalt haben. Das Bild zeigt einen von der Abendsonne rückseitig beleuchteten Ost-Horizont im Bayerischen Wald. Foto: Wolfgang Epple. Das „ästhetisch höchst wirksame Erlebnis eines Himmelszeltes, das auf den landschaftlichen Horizonten aufsetzt“ (Nohl 2016 in Etscheit), ist keine Erfindung romantisierender Ewiggestriger. Dass Menschen auf der ganzen Erde einen schönen Himmel bestaunen und sich darüber hinaus auch an vertrauten Horizonten im Sinne von „Heimat“ orientieren, ist als Universalie vielmehr ein klarer Hinweis auf ein gemeinsames Erbe, das im ästhetischen Empfinden und Erkunden einer Landschaft alle Menschen verbindet (s.o., Erwiderung auf Prof. Kühnes steile These, Schönheit einer Landschaft sei ein Konstrukt). Die Diskreditierung des Schönheits-Argumentes durch die fanatischen Verfechter etwa der Windkraft zeugt von Schwäche der dortigen Argumente.

….Geduld, die Seite befindet sich in Entwicklung