Juli 9, 2020

Das Auerhuhn – wissenschaftlich begleitete Ausrottung im Zeichen der Windkraft (?)

Beitragsbild: Das Auerhuhn ist in seinem Bestand in Mitteleuropa außerhalb der Alpen extrem gefährdet. Das Beitragsfoto zeigt einen balzenden Hahn im Nordschwarzwald. Foto: Gerhard Bäuerle

Im Schwarzwald existiert noch die größte und für den Erhalt dieser urigen Vogelart wichtigste Population des Auerhuhns außerhalb der Alpen (Coppes et al., Vogelwarte 57, 2019: 115 – 122; Verbreitungskarte dort S. 116; zahlreiche Abb. zum konkreten Bestandsrückgang S. 117 und 118; direkter Link zum Artikel hier). Durch die Windkraft-Ausbaupläne ist auch diese Art zum Zankapfel und zur „Verhinderungsart“ für die Windkraftindustrie geworden.

„Umleitung“, nennt Wolf Hockenjos schon 2015 in einem pointierten Artikel, was den Auerhühnern des Schwarzwaldes im Zuge der Windkraftindustrialisierung ihrer Lebensräume bevorsteht. Auf der Homepage der Gemeinde Gutach (Schwarzwaldbahn) wurde damit geprahlt, dass es u.a. mit Hilfe der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA) gelungen sei, für das dort besonders prägnant die Landschaft entwertende Windkraftindustriegebiet an der „Prechtäler Schanze“ einen „Auerhuhnkorridor“ zu verlegen. Das weithin sichtbare monströse Windindustriegebiet an einem landschaftlich ehemals herausragend schönen Platz stellt nicht nur in ästhetischer Hinsicht einen der gravierendsten und rücksichtslosesten Eingriffe in die Schwarzwaldnatur dar. Es zeigt besonders dringlich den Konflikt zwischen Artenschutz und Windkraft, in diesem Falle am Beispiel des Auerhuhns.

Die Invasion der Windindustrie auf den Höhen des mittleren Schwarzwaldes, im Lebensraum des Auerhuhnes; hier die “Prechtäler Schanze”. Das Foto entstand während der frühen Bauphase im Frühjahr 2016; Foto: Wolf Hockenjos. Vordergründig wurden alle Belange von Landschafts- und Naturschutz abgewogen und berücksichtigt. Das Ergebnis ist die brachiale Entwertung eines einmaligen, weithin bekannten und historisch wichtigen Kraftplatzes des mittleren Schwarzwaldes. Weitere Bilder zur Dimension des dortigen Eingriffes: http://www.badische-zeitung.de/elzach/windenergie-fuer-12-000-haushalte-prechtaeler-schanze-i-geht-im-oktober-ans-netz–109725004.html (mit eigenem Kommentar des Verfassers; zuletzt eingesehen 27.10.2016). Foto und Legende entnommen aus Epple (2017).

Während die lokale Presse Jahre nach einem der verheerendsten Windkraft-Eingriffe in die Schwarzwaldnatur den Windpark weiterhin unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten feiert und die Parolen der Windkraftbranche zur CO2-Einsparung unkritisch weitergibt, besteht für den Naturschutz wie immer, wenn es um eindeutig offenliegende Konflikte mit menschlichen Nutzungsinteressen geht, auch im Falle des Auerhuhns im Schwarzwald angeblich erhöhter Forschungsbedarf: Die Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg (FVA) sollte nun – also im Nachhinein, und damit als Gegenteil einer vorsorglichen Naturbewahrung – die Auswirkungen der Windkraftindustrialisierung auf die Auerhühner „exakt“ beforschen . Was sich zunächst wie ein völlig unabhängiges Forschungsvorhaben anhört, zeigt sich grundsätzlich fragwürdig. Denn das Ziel ist von Anfang an eindeutig: Es handelt sich um ein „Ermöglichungs-Forschungsvorhaben“ für die Windkraftindustrie im bislang unbelasteten Waldgebirge und damit im wichtigsten Lebensraum des Auerhuhns in Süddeutschland. Zitat FVA, http://www.auerhuhn-windenergie.de/de/forschungs-projekt/projektbeschreibung: dort war, abgerufen am 25.10.2016, noch zu lesen: „Mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland, hat der Schwarzwald besonders für die Windenergie an Bedeutung gewonnen. Besonders die mit lichten Wäldern bestandenen Höhenlagen, der bevorzugte Lebensraum des Auerhuhns, sind für die Windenergieanlagen geeignet. Das Projekt ist entstanden um eine gesunde Auerhuhnpopulation und den Ausbau der Windenergie im Schwarzwald zu vereinbaren.“ (Fette Hervorhebung durch den Verfasser W.E.). Diese Formulierung ist bezeichnender Weise im Abschlussbericht (Coppes et al. 2019) nicht mehr explizit zu finden. Die Grundsatzkritik bleibt berechtigt: Der Ausbau der Windenergie im Schwarzwald soll mit einer „gesunden“ Auerhuhnpopulation „vereinbar“ gemacht werden. Windkraftindustrie im Auerhahnlebensraum wird von der FVA erst gar nicht mehr in Frage gestellt. Weiteren Aufschluss liefert die Projekt-Kofinanzierung: Unter den beiden die Windkraft mit aller rechtlichen und politischen Macht pushenden, Auftrag gebenden Landes-Ministerien sind u.a. folgende Sponsoren aufgeführt: Der Bundesverband Wind Energie e.V. (BWE) LV Baden-Württemberg, das E-Werk Mittelbaden, Die EnBW Energie Baden- Württemberg AG, ENERCON Windenergieanlagen; die „Ökostromgruppe Freiburg“, und die Windkraft Schonach GmbH. Das ist das “Who-is-who” der regionalen Windkraft-Interessenvertreter im Schwarzwald. Das sponsernde Energieunternehmen und die erwähnten Projektierer und Betreiber der Windkraft-Industrie im Schwarzwald sind seit Jahren die ursächlich Hauptbeteiligten an der landschaftlichen Entwertung der Vorzugsräume der Schwarzwaldnatur.

Auch dann, wenn der Rückgang des Auerhuhns bereits vor Beginn der Invasion der Windkraftindustrie in den Schwarzwald begonnen und viele Ursachen besonders in der Waldbewirtschaftung hat, sind vor dem Hintergrund des geradezu dramatischen Bestandseinbruchs des Auerhuhns in den letzten Jahren im Schwarzwald (Coppes et al. 2019 im Link siehe Vogelwarte 57, 2019: 115 – 122, direkter Link hier) alle wissenschaftlich verbrämten Relativierungen zu den Auswirkungen der Windkraft auf diese Art mehr als fragwürdig: Im Abschlussbericht zum Forschungsprojekt (Coppes et al. 2019) werden Störeffekte, d.h. abnehmende Lebensraumnutzung durch Windenergieanlagen (und indirekt durch die von den Zuwegungen ausgehenden Störungen) beschrieben. Auch zeigt vergleichende Forschung, dass sich die Auerhühner an diese Störung nicht gewöhnen. Angeblich (Sitchwort: extrem geringe Stichprobengröße!) gibt es keinen Einfluss der Windkraft auf die Nachweis-Dichte. Für die in einer zweiten Studie beschriebenen massiven Bestandsrückgänge des Auerhuhns im Schwarzwald (Coppes et al. 2019; im Link siehe Vogelwarte 57, 2019: 115 – 122; direkter Link hier) werden dagegen unter dem Begriff Störungen explizit nur Tourismus und verschiedene Freizeitaktivitäten in den Vordergrund gerückt. Die Windkraft mit Begleiterschließung als Störfaktor wird von denselben Autoren in dieser Publikation nicht einmal genannt. 

Für die Zukunft des Auerhuhns im Schwarzwald alarmierend: Die Beteiligten sehen den „Transfer“ ihrer Erkenntnisse, sprich: die Anwendung in der geplanten Vernichtung von Auerhuhn-Lebensräumen durch die Windkraft durch die weitere Arbeit der LUBW gewährleistet. Es ist jene Behörde, die Raum für 20.000 Windkraftanlagen in Baden-Württemberg errechnet hat… 


Hier zu diesem denkwürdigen Vorgang ein Gastbeitrag des herausragenden Kenners* der Materie, Wolf Hockenjos:

Von Hühnern lernen 

Was ein Forschungsprojekt aussagt über die Auswirkungen von Windenergieanlagen auf Auerhühner

Von Wolf Hockenjos *

Die beschriebene Beeinträchtigung wurde auch in Untersuchungsgebieten festgestellt, in denen die WEA schon seit längerer Zeit in Betrieb sind. Die Tiere scheinen sich daher auch über mehrere Jahre nicht an den Einfluss der WEA zu gewöhnen. (Projektabschlussbericht, Forstl. Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg, Februar 2020)

Einen Freibrief zum Bau von Windenergieanlagen (WEA) in Auerhuhnhabitaten werden sich die Auftraggeber des Projekts wohl nicht erhofft haben. Und doch haben sie sich die Studie allerhand kosten lassen: Über immerhin fünf Jahre lief das mit einer Million Euro dotierte Forschungsprojekt Auerhuhn & Windenergie, finanziert mit öffentlichen Mitteln der beiden Stuttgarter Ministerien, des Umwelt- wie des Forstministers, denen nicht nur ein gesteigertes  klimapolitisches, sondern durchaus auch ein fiskalisches Interesse an der Umsetzung der Energiewende zu unterstellen ist, denn die Pachteinnahmen für Windräder im Staatswald kommen ja auch dem Forsthaushalt zugute. Da ist es gleich doppelt misslich, wenn  ausgerechnet auf den windhöffigsten Waldstandorten zugleich die heftigsten Konflikte mit dem Artenschutz entbrennen, weil die höchsten Kuppen- und Kammlagen des Schwarzwalds oft genug zu den letzten verbliebenen Lebensräumen des „Schwarzwälder Charaktervogels“ zählen. Dessen Population gilt zwar noch immer als größte Mitteleuropas außerhalb der Alpen, doch auch sie schwindet zusehends dahin (mit derzeit gerade mal noch 135 Hahnen); allen Bemühungen zum Trotz ist ihr endgültiges Erlöschen zu befürchten – ganz so wie es anfangs des neuen Jahrtausends dem Haselhuhn ergangen ist. 

Kofinanziert wurde das Projekt zur Hälfte aus Drittmitteln des Bundesverbands WindEnergie e. V. sowie von einer Reihe baden-württembergischer Energieversorgungsunternehmen; dass deren Engagement weniger dem Artenschutz galt, als vielmehr der Aussicht auf gelockerte Restriktionen und auf mehr Planungssicherheit dank neugewonnener wissenschaftlicher Erkenntnis, dürfte keine allzu gewagte Hypothese sein. Von einem leichten „Gschmäckle“ sprechen sie da im Ländle. Gehört es doch zum Credo von Windkraftbetreibern und Befürwortern, dass Auerhühner (wie auch andere windkraftsensible Vogelarten) zumeist nur vorgeschoben sind – und damit für den allseits beklagten, seit Jahren stockenden Ausbau mit verantwortlich. 

Der Forschungsauftrag der Minister erging an die Freiburger Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) in Kooperation mit der Universität für Bodenkultur Wien, bei insgesamt zehn deutschen, österreichischen und Schweizer Autoren und Autorinnen, zuzüglich zehn weiteren MitarbeiterInnen. Geforscht wurde in sechs Untersuchungsgebieten: im Schwarzwald, in Österreich und in Schweden. Begleitet wurde das Projekt von einem Beirat aus Vertretern der Finanzgeber und verschiedener Verbände. Der Projektabschlussbericht wurde der Öffentlichkeit im Februar 2020 vorgestellt. Die in Freiburg erscheinende, bekanntermaßen windkraftfreundliche Badische Zeitung stellte ihren Bericht über das Forschungsergebnis (am 06.03.20) unter eine seltsam zwiespältige Überschrift: Auerhühner wahren Distanz und im Untertitel Die Vögel meiden Windräder, sind aber von ihnen nicht gestresst.

Fünf Jahre lang haben die renommierten Ornithologen systematisch nach direkten und indirekten Auerhuhn-Nachweisen gefahndet, insbesondere nach Losung (Kot) oder Federn, um damit Aufschluss über die Lebensraumnutzung in der Nähe von Windenergieanlagen bzw. in windradfreien Referenzgebieten zu erhalten. Etliche Hühner konnten sogar mit Sendern ausgestattet werden. Der Stress wurde erforscht, indem Kotproben auf Stresshormonabbauprodukte analysiert wurden. 

Anhand der kartierten Auerhuhn-Nachweise zeichnete sich ab, dass die Raumnutzung der Hühner mit zunehmender Nähe nicht nur zu den WEA, sondern auch zu den Zufahrtswegen signifikant abnahm. Ein Effekt, der allerdings nur bis zu einer Entfernung von 650 m nachweisbar war, wie der Abschlussbericht (politisch korrekt?) festhält. Wohingegen dieser Wert bei den besenderten Hühnern auf dem weiträumigen schwedischen Fjäll bei 850 m lag. Gut möglich also, dass Schallemissionen, Schattenwurf und Sichtbarkeit der WEA, aber auch andere Störfaktoren die Lebensraumnutzung ungünstig beeinflussen, und zwar nicht nur in der Bauphase, sondern auch langfristig. Doch die gute Botschaft für Windmüller folgt im Bericht sogleich: „Im Gegensatz zu den negativen Effekten auf die Lebensraumnutzung konnte kein signifikanter Effekt von WEA auf die Auerhuhn-Nachweisdichte festgestellt werden.“ Auch der Reproduktionserfolg habe nicht gelitten, wie denn auch keine Hinweise auf eine Erhöhung des Stresshormonlevels durch WEA gefunden worden seien. Erstaunlich immerhin, dass eine systematische Literaturrecherche eine Vielzahl weiterer potentieller Wirkungen auf Raufußhühner erbracht hatte – bis hin zu dokumentierten Kollisionen.

Wie das? Kein erhöhter Stress durch Windräder, keine verminderte Reproduktion, hingegen signifikante Beeinträchtigung der Raumnutzung im Radius von 650 m? Herrschte tatsächlich kein Stress unter den Hühnern, oder war der einfach nicht nachweisbar in den stark verinselten, oft nur noch kleinräumig auf Bergkuppen beschränkten Habitaten?

Mit Hilfe der Gen-Analyse konnte immerhin nachgewiesen werden, dass die Schwarzwälder Auerhühner noch immer große Strecken von mehr als 50 Kilometern zwischen ihren einzelnen Teilgebieten zurücklegen. Umso vordringlicher erscheint die Erhaltung von Korridoren und Trittsteinen – tunlichst frei von WEA, zumal der neuen Generation mit ihren monströsen Ausmaßen. Es könnte sonst rasch vollends zu Ende gehen mit der größten mitteleuropäischen Auerhuhnpopulation außerhalb der Alpen. Oder war es etwa das, was sich die Drittmittelgeber von dem Forschungsprojekt insgeheim erhofft hatten: Müsste man nicht einfach eine Handvoll Ornithologen lange genug in den verbliebenen Habitaten dieser so störungsanfälligen Vögel umherstreifen lassen?

Balzende Auerhähne können „liebestoll“ zum Höhepunkt der Arenabalz jede Scheu vor dem Menschen verlieren. Foto: Wolf Hockenjos
  • * zum Gastautor: Wolf Hockenjos, Jahrgang 1940, war ein Vierteljahrhundert lang Forstamtsleiter in Villingen-Schwenningen, Baden-Württemberg, dazu Kreisbeauftragter für Naturschutz und Waldreferent des Landesnaturschutzverbands Baden-Württemberg. Als begeisterter Fotograf hat er etliche Bildtextbände verfasst. Er ist Initiator der Luchs-Initiative Baden-Württemberg e. V. und kämpft seit Jahren gegen die Exzesse der Windindustrie in ökologisch und touristisch hochwertigen Landschaften.

Soweit der nachdenklich stimmende Gastbeitrag. Die von den Verursachern kofinanzierte wissenschaftliche Begleitforschung der Windkraftinvasion in den Schwarzwald darf als herausragendes Beispiel für die Fragwürdigkeit der Vorgänge rund um die wissenschaftlich-gutachterlich verbrämte Schwächung des Naturschutzes zu Gunsten der Windkraftindustrie in Deutschland verstanden werden (vgl. Epple 2017).

Um die Zukunft der „windkraftsensiblen“ Vogelarten in Deutschland und Europa ist es schlecht bestellt.