November 28, 2020

Naturschutz und Wälder

Das Foto zeigt einen Fluss-begleitenden Auwald an der oberen Moldau. Foto: Wolfgang Epple

Am Besten hat’s die Forstpartie — der Wald, der wächst auch ohne sie

In dieser leicht ironischen Volksweisheit steckt viel vom breiten Themenspektrum, das im Spannungsfeld zwischen Naturschutz und Forstwirtschaft angesiedelt ist. Es ist das Spannungsfeld von Schutz und Nutzung der Natur.

Viele der „Forsten“, in denen Holznutzung im weitesten Sinne im Vordergrund steht, verdienen nicht die Bezeichnung Wald. Sie sind eher Holzäcker, bestanden mit einer bevorzugten, oft noch standortunangepassten „Brotbaumart“, die in zu kurzen Umtriebszeiten geerntet wird. In Deutschland ist es die Fichte, die den „Brotbaum“ stellt, im Flachland des Nordostens oft auch die Waldkiefer.

An der Art der Nutzung der Wälder entscheidet sich, wie nahe unsere Gesellschaft einem ganzheitlichen Ansatz für den Naturschutz in den Wäldern kommt. Die Behandlung der Wälder ist von entscheidender Bedeutung für den Schutz der natürlichen Ressourcen Luft, Wasser, Boden und Biodiversität. Neben den Belangen der Holznutzung sind also alle Wohlfahrtsfunktionen des Waldes beinhaltet; die wichtigste vorneweg:

  1. Lebensraum für eine schier unermessliche Artenvielfalt von Pflanzen und Tieren: Von den Pilzen, deren Geflecht für das Gedeihen des Waldes grundlegend ist, von Moosen und Farnen bis zu den Sträuchern und Bäumen, von Wirbellosen (Spinnentiere, Insekten) über Amphibien und Reptilien bis zu den Vögeln und Säugetieren: Der Wald lebt in kaum überschaubaren und durchschaubaren Netzen gegenseitiger Abhängigkeiten der verschiedensten Lebensformen.
  2. Erholungsraum nicht nur für Großstadt- Menschen,
  3. Luftreinhaltung, Frischluftanreicherung, Schutz des Bodens und Schutz der Trinkwasser-Reserven

Alle Waldbesitzer sollten den Wohlfahrtsfunktionen des Waldes verpflichtet sein: Der Staat, die Kirchen, die Kommunen und Privatwaldbesitzer, die Waldbauern.

Vielstufiger Mischwald mit hohem Anteil von stehendem und liegendem Totholz und sehr alten Bäumen: der Idealfall für den Naturschutz auch im genutzten Wirtschaftswald. Das Bild entstand im Böhmerwald. Foto: Wolfgang Epple
Auch der bewirtschaftete Wald lässt viel Raum und Möglichkeiten, die Natur zu schützen und pfleglich zu behandeln: Wird die standortfremde Fichte aus der kollinen Stufe zurückgedrängt, und bei der Holznutzung an einigen Stellen auf Lichtdurchlass bis zum Boden gesorgt, gleichzeitig eine vielseitige Baumartenmischung angestrebt, entsteht ein stabiles Waldökosystem, das Dürren, Frost, Sturm und „Forstschädlingen“ besser standhält als der weit verbreitete Alterklassenwald mit Bevorzugung der „Brotbaumarten“. Ein solcher Wald liefert 7 bis 10 Raummeter Brennholz pro Hektar und Jahr, und es kann noch genügend Totholz im Wald bleiben. Gesunde Bäume können und sollen in einem solchen Wald zur biologischen Reifephase altern. Das Bild zeigt den eigenen kleinen Wald des Verfassers am Rande des Vorderen Bayerischen Waldes, mit Buche, Eiche, Kirsche, Birke, Vogelbeere, unter den Weichhölzern mit Faulbaum, verschiedenen Weiden, Pappeln, Espen, am Waldrand Haselnüsse. Im Spätsommer „liefert“ dieser Wald essbare Pilze, es reifen Himbeeren und Brombeeren. In den alten Eichen finden bis zu 1000 verschiedene Begleitarten Lebensraum. Das wirkt sich aus: Auf engstem Raum brüten hier über 30 Vogelarten, darunter Schwarzspecht und Goldhähnchen…Es leben Rehe, Feldhasen, Waldmäuse, Rötelmäuse, Siebenschläfer, Füchse, Dachse, Baummarder, Hermeline, Mauswiesel, am Bach Biber und Fischotter…Mitsein mit der Natur kann mitten in der vom Menschen sorgfältig genutzten Natur gelingen. Foto: Anna Lena Leimbach-Epple
 

Die Realität des Waldes in Mitteleuropa ist vielerorts von diesen Gemeinwohl-Verpflichtungen und auch von gesicherten Erkenntnissen zur Stabilität der Waldökosysteme entfernt: Noch immer dominieren Monokulturen, eine dichte und immer weitere Erschließung mit Forststraßen belastet Boden und Ökosystem, bei sogenannten „Rückegassen“ gibt es teilweise eine regelrechte Übererschließeung, wenn diese im Abstand von nur 50 Metern unterhalten werden. Bis in die jüngste Vergangenheit fand noch der Umbau des ehemals vielstufigen Naturwaldes in „Altersklassenwald“ statt, mit Entmischung oder Zurückdrängen der natürlich vorkommenden Baumarten. Ganz allgemein: Intensivierung der Nutzung macht der Wald-Lebensgemeinschaft zu schaffen.

Urwaldrelikte, wie die letzten naturbelassenen Bergfichtenwälder des künischen Gebirges, verdienen es, vollständig aus der Nutzung entlassen zu werden. Es ist und bleibt ein historisches Verdienst der Pioniere der Nationalparke Bayerischer Wald und Sumava, den Waldnaturschutz in dieser Region im Herzen Europas entscheidend voran gebracht zu haben. Dies zum Wohl des Waldes und der Menschen, die hier auch in Zukunft das Werden und Vergehen des Waldes bestaunen können. Es ist ein völliges Unding, die verschwindend geringen Urwaldreste und die ohnehin zu kleinen Waldschutzgebiete in Europa im Zuge der Klima-CO2-Diskussion wegen geringerer CO2-Einlagerung zu diskreditieren (s.u.). Das Bild zeigt einen Bergfichtenwald am Plöckenstein im Böhmerwald. Foto: Wolfgang Epple

Auch die Erschließung und „Möblierung“ des Waldes für die nicht mehr stille Erholung durch den Menschen macht gerade in Deutschland Probleme, insbesondere im Hinblick auf den Schutz der Pflanzen und Tiere des Waldes: Mountainbike-Parcours, Motocross-Strecken, Wanderwege bis in die letzten Rückzugsorte der Wildtiere… Das auch noch durch Baumaßnahmen geförderte Eindringen des Menschen sollte stets gut abgewogen werden. In den meisten Fällen sprechen gute Naturschutzargumente gegen weitere Erschließung und „Nutzung“ des Waldes, die über die stille Erholung hinausgehen.

Letzte Primärwälder weltweit, und auch in Europa unter Druck

Die Primärwälder, die heute noch auf der Erde zu finden sind, verdienen besondere Beachtung und besonderen Schutz. Nicht nur die tropischen Primärwälder fallen weiterhin dem Raubbau durch den Menschen zum Opfer; ein Brennpunkt ist seit Jahren British Columbia/Canada. Es handelt sich um einen längst bekannten beklemmenden und für jeden Interessierten zugänglichen Skandal:

Skandalöser Kahlschlag von Primärwäldern findet auch in den gemäßigten Breiten statt. British Columbia/Canada. 500 Jahre alt…Foto copyright: T. J. Watt

Auch in Europa werden zur Zeit wertvollste Naturwälder mit noch vor wenigen Jahren kaum vorstellbarer Rücksichtslosigkeit und krimineller Energie geplündert. Dies selbst in ausgewiesenen Nationalparks. Brennpunkt sind die rumänischen Karpaten, die die letzten großen Urwälder beherbergen…

Und in Deutschland?….Was sind unsere Wälder „wert“?:

„Waldschutz“ in Deutschland = Waldvernichtung für den vorgeblichen „Klimaschutz“:

Konkret: Die Opferung wertvoller Wälder für die Windkraft

Deutschland ist das Gegenteil eines Musterlandes, wenn es um den Schutz des Waldes geht. Nicht nur die Naturferne der meisten Wirtschaftswälder ist zu nennen.

Im Musterland des „Klimaschutzes“ werden selbst wertvollste Wälder der Windkraftindustrie ausgeliefert. Negativ-Beispiel für den brachialen Durchmarsch ist der Odenwald, wobei praktisch alle Wälder der Mittelgebirge im Visier der Begehrlichkeiten der Windkraftindustrie sind.

Ein von der Öffentlichkeit viel zu wenig beachteter Skandal ist die Auslieferung der dem Volk gehörenden Staatswälder an die Windkraftindustrie. Beispiel ist die ForstBW, der Baden-Württembergische Staatswald, der unter GRÜNER Herrschaft der Industrialisierung durch Windkraft geopfert werden soll; Originalton: „Im Rahmen der Energiewende verfolgt die Landesregierung das Ziel, bis zum Jahr 2020 mindestens 10 Prozent des Stroms im Land aus heimischer Windkraft bereit zu stellen. Umgerechnet auf die durchschnittliche Anlagengröße bedeutet dies den Zubau von rd. 1.200 Anlagen. Durch die Verpachtung geeigneter landeseigener Waldflächen unterstützt ForstBW diesen Ausbau der Windenergie.“ Der Skandal ist aufgearbeitet in Epple (2017). Die Staatswälder werden wohlgemerkt im Auftrage des Volkes und für das Volk gepflegt. Nirgends ist ersichtlich, dass dieser Auftrag via vergänglicher und vorübergehender GRÜNER Staatsmacht die Vernichtung der Wälder im Zuge der zerstörerischen Invasion der Windkraftindustrie beinhaltet. Die Ankündigung der Forst-BW von „nur“ 1.200 WEA ist längst überholt, inzwischen geht man von bis zu 20000 WEA-Standorten in Baden-Württemberg aus.

Politisch erzwungene Invasion der Windkraft im Schwäbischen Wald, Baden-Württemberg, mit allen verheerenden Begleiterscheinungen: Waldrodung, „Erschließung“ mit und „Ertüchtigung “ von Forststraßen, Betonfundamente, nicht recyclingfähige Baustoffe, Grundwassergefährdung durch Betriebsstoffe, Zerstörung des Lebensraumes für alle betroffenen Waldtiere, insbesondere Greifvögel und Fledermäuse. Das Bild zeigt die Kohlenstraße bei Winzenweiler/Einkorn, Landkreis Schwäbisch-Hall; Zufahrt zur im Bau befindlichen WEA. Foto: Rainhard Wolf
Deutsche Waldromantik in Zeiten der durch die „Energiewende“ ausgelösten Invasion der Windkraft. Überlassung durch die Bürgerinitiative „Rettet den Birgeler Urwald“, mit freundlicher Genehmigung.
Durch die Subventionen des EEG und horrende Pachteinnahmen herrscht in deutschen Wäldern Windkraft-Goldgräberstimmung. 
Die baden-württembergische Landesforstverwaltung ForstBW macht es vor: Der Staatswald, Eigentum aller Bürger, wird den Eingriffen der Windkraftindustrie preisgegeben. Im „GRÜN“ regierten Bundesland ist der Windkraftbetreiber oft ein weiterer, einschlägig gelenkter Staatsbetrieb: die EnBW. Zu Lasten von Mensch und Natur zerstören in Deutschland Staatsbetriebe in der Allianz mit der Windkraftbranche Wälder und schöpfen dabei staatliche Subventionen ab (Abbildung und Legende entnommen aus Epple 2017; konkrete Beispiele bei Epple 2017).

Naturwald oder Wirtschaftswald – vom Unheil der Diskurs-Reduktion auf CO2

Im Rahmen der Alarmstimmung um CO2 und Klimawandel gerät die Funktion des Waldes als Kohlenstoffspeicher, also als CO2-Senke, in den Blickpunkt. Selbst gutgemeinte Ansätze innerhalb der Diskussion um den Schutz der deutschen Wälder münden dabei in abstruse und naturschutzfeindliche Schlussfolgerungen, mit dem Ergebnis, dass sich selbst überlassene Bannwälder und/oder Urwaldrelikte wegen geringerer CO2-Speicherung gegenüber Wirtschaftswäldern als „unterlassener Klimaschutz“ (!) in Rechnung gestellt werden. In der hier zitierten von der CDU-Landtagsfraktion in Thüringen mit guter Absicht herausgegebenen Broschüre wird Folgendes errechnet; wörtliches Zitat:

„Da die mittleren Vorräte im Wirtschaftswald und in Waldnaturschutzgebieten ähnlich sind, sehen wir keine besondere klimawirksame Leistung einer Stilllegung. Eher führt Stilllegung zu einer Absenkung der Zuwächse und es fehlt der Substitutionseffekt. Das bedeutet, das Waldnaturschutzgebiet müsste mit einer unterlassenen Klimavermeidung von 1.988 kg CO2 ha-1 Jahr -1 belastet werden. Dies sind die volkswirtschaftlichen Kosten und die Klimakosten des Naturschutzes.“ (GÖRNER, M., SCHULZE, E.-D. & H. WITTICKE (2019): Klima und Wald. – Erfurt. Seite 28/29; Verfasser des speziellen Beitrages: Prof. Dr. Ernst-Detlev Schulze, Pflanzenökologe und ehemaliger Direktor des Max-Planck-Instituts für Biogeochemie in Jena).

Diese ca. 100 Jahre alte Fichte hatte, wie am liegenden Stamm erkennbar, Drehwuchs, und wurde durch Schneelast in Verbindung mit mehreren Winterstürmen im Zeitraum eines vollen Jahres zwischen Schädigung und Umstürzen gefällt. In dieser Zeit war der Baum – von Insekten besiedelt – Nahrungsquelle für viele Vögel, darunter Schwarzspecht, Buntspecht, Kleiber und weitere Singvögel. Foto: Wolfgang Epple. Im Wirtschaftswald der unteren Klimastufen sind die letztlich standortfremden Fichten anfällig und in der Altersphase hoch „sterblich“. Würde dieser Baum nicht „aufgearbeitet“, sondern angesichts des geringen Holzwertes als liegendes Totholz im Wald verbleiben, bereicherte dies die Artenvielfalt: Besiedlung durch Insekten und Pilze und eine große Zahl Mikroorganismen, die den toten Baum über viele Jahre hinweg letztendlich wieder zu Humus verarbeiten. Im Rahmen des Klima-CO2-Alarm-Reduktionismus allerdings schlägt die Reifephase als Verringerung der CO2-Senkenfunktion zu Buche. Vor dem Hintergrund der Erkenntnisse zum Wert von liegendem (und stehendem) Totholz für die Lebensgemeinschaften im Wald ist die CO2-Argumentation gegen Waldschutzgebiete, in denen die Zerfallphase der Wälder mit geschützt wird, eine Absurdität. Auch im Wirtschaftswald ist das Erreichen natürlicher Sterblichkeit wenigstens einzelner Bäume ein Zeichen einer Annäherung an die Inhalte ganzheitlicher Naturschutz-Denkweise.
Inzwischen wurde der liegende Baum entfernt. Es herrscht wieder „Ordnung“…

Die erkennbare Absicht in Nutzung-orientierten Kreisen, die CO2-Bilanz als Argument gegen Waldschutzgebiete zu verwenden, in denen die Entnahme von Holz eingestellt ist oder von vorne herein nicht stattfindet, ist einer der letzten Auswüchse der reduktionistischen CO2-/Klimadiskussion.

Plitvicer Seen, Nationalpark, Wasserfall, Kroatien
Der Nationalpark Plitvicer Seen, den ich in meinem Leben seit den 1960er Jahren mehrfach besucht habe, ist positives Beispiel der Bewahrung eines Stückes überwiegend primärer und weiterhin dynamischer Natur in Kroatien, das sich inmitten menschlicher Besiedlung befindet. Die Herausnahme von Wäldern aus der Nutzung auf CO2-Bilanz zu reduzieren und „volkswirtschaftliche Kosten und Klimakosten das Naturschutzes“ für diesen Prozessschutz zu berechnen, mag dem Zeitgeist und dem Hype um den Klimawandel entsprechen. Ein solcher Reduktionismus grenzt vor dem Hintergrund der Gesamtbedeutung des Schutzes letzter Wildnisse, der Ermöglichung von Anpassungsprozessen im evolutionären Maßstab, und nicht zuletzt auch unter Gesichtspunkten der Artenvielfalt und der Ästhetik an eine Absurdität. Im NP Plitvice ist das Urwaldreservat von Corkova uvala (sehenswertes Video in kroatischer Kommentierung) von herausragender ökologischer und ästhetischer Bedeutung. Nach der Logik der CO2-Reduktionisten wäre der Schutz von mehrhundertjährigen Baumriesen in der Reifephase des Urwaldes „unterlassener Klimaschutz“ und damit „ausgleichspflichtig“. Foto: Veronika Szappanos, Pixabay

Biodiversität und Waldbewirtschaftung – Abwertung von Urwäldern und Waldschutzgebieten fachlich nicht haltbar

In einem Artikel des Naturschutz Magazin Ausgabe 01/2020 setzt sich Dr. Martin Flade, ausgewiesener Fachmann, mit der Kontroverse um den Wert alter Buchenwälder für die Biodiversität auseinander:

Über den „Wert“ alter Buchenwälder und die Frage, ob bewirtschaftete Buchenwälder eine höhere Artenvielfalt als Bannwälder oder Urwälder aufweisen, besteht eine Kontroverse, die von Nutzen-orientierter Seite dazu verwendet wird, die Einstellung der Nutzung von Wäldern als grundsätzlich für den Naturschutz nicht zielführend abzuwerten. Das Bild zeigt ein nicht genutztes Buchenaltholz im Vorderen Bayerischen Wald. Foto: Wolfgang Epple

Der Faktor Zeit ist entscheidend für die Frage der Biodiversität der Buchenwälder. Es ist keine Frage: Herausnahme aus der Nutzung und der Schutz der letzten Buchenurwälder sind äußerst wertvolle Beiträge im Sinne des ganzheitlichen Naturschutzes. Denn erst nach Jahrzehnten verändert sich die Vielfalt vorher hallenartiger, aus der Nutzung genommener Buchenwälder auch hinsichtlich der Strukturen. Durch Zusammenbrechen sehr alter Bäume (Sturm- und Unwetterereignisse, natürlicher Tod von Baumriesen) gibt es Lücken im geschlossenen Bestand. Das ist der Ansatz für beginnende und steigende Vielfalt.

Was in unserer heutigen Gesellschaft fehlt, ist Geduld und das Verständnis für die sehr langen Zeiträume, in denen sich Wälder entwickeln und verändern. M. Flade wörtlich: „Buchenurwälder und sehr naturnahe, seit über 100 Jahren unbewirtschaftete Buchenwälder weisen eine mehrfach so hohe Strukturvielfalt und Biodiversität auf wie Buchenwirtschaftswälder. Es bedarf jedoch vieler Jahrzehnte Wirtschaftsruhe, bis die waldtypische Biodiversität zur vollen Entfaltung kommt.“

Mangelware: Bannwälder als Totalreservate

In den beförsterten und genutzten Wäldern können die natürlichen Waldzyklen, das Werden und Vergehen in sehr langen Zeiträumen, nicht mehr ungestört und vollständig stattfinden. Die „Umtriebszeiten“ sind zu kurz, d.h. die Bäume werden in gemessen an der natürlichen Lebenserwartung viel zu jungem Stadium „geerntet“, und die Baumarten-Zusammensetzung entspricht nicht den natürlich vorkommenden Arten – Beispiel: Anbau der Fichte als Monokultur in vielen auf Dauer ungeeigneten Standorten Mitteleuropas.

„Totalreservate“, die sogenannten „Bannwälder“, sind verschwindend gering beteiligt an der deutschen Waldfläche. Gerade aber im Zuge des Klimawandels würden ausreichend große Bereiche ohne forstliche Nutzung wertvolle Hinweise liefern zur natürlichen Reaktion und Anpassungsfähigkeit der Wälder auf klimabedingte Änderungen. Bannwälder sind darüber hinaus häufig Orte hoher Artenvielfalt, alleine aufgrund des hohen Anteils an liegendem und stehendem Totholz. Fotos: Wolfgang Epple. Die Bilder entstanden Ende August 2020 in Thüringen in der Nähe der Wartburg bei Eisenach. In der Region sind Fichten-Monokulturen an vielen Stellen nach zwei Dürre-Jahren erheblich geschädigt, u.a. auch durch den Borkenkäfer. In den deutschen Medien wird der Aspekt der Sterblichkeit der standortfremden Fichte stark und alarmistisch in den Vordergrund gerückt. Dürre Fichten vermitteln den Eindruck „sterbender Wälder“. Die Wirklichkeit der Ursachen des schlechten Zustandes vieler Forste, die die Bezeichnung Wald kaum verdienen, ist jedenfalls komplexer als die Vereinfachung der Berichterstattung in den Medien.

Artenvielfalt und Klimaschutzfunktion der Wälder ergänzen sich – wichtige Forschungsergebnisse

In den letzten Jahren wird weltweit geforscht am Zusammenhang zwischen Stabilität der Waldökosysteme, die sich sowohl ökologisch in Artenvielfalt, als auch ökonomisch im Wachstum der Bäume und damit der Produktivität der Wälder niederschlägt. Einige bedeutsame Tendenzen in den neueren Erkenntnissen, veröffentlicht in führenden Wissenschaftsmagazinen der Welt, seien herausgegriffen:

Mehr Baumarten in Nachbarschaft zueinander fördern das Wachstum der verschiedenen Arten (und damit auch den Zuwachs an Holzvorrat: englisch: Biodiversity-Productivity-Relationships BPRs). Die Forscher konnten zeigen, dass nicht nur Konkurrenz, sondern auch gegenseitige Förderung das Verhältnis verschiedener Baumarten im Wald kennzeichnet.

Aus der begleitenden Pressemitteilung der TU Dresden vom 21.03.2018: „„Die Erkenntnisse dieser Forschungsarbeiten erhellen nicht nur unsere Vorstellungen über das Zusammenwirken der Bäume beim Wuchs und das Funktionieren von Waldökosystemen, sondern haben zudem eine kaum zu überschätzende naturschutzfachliche und forstliche Relevanz“, sagt Prof. Dr. Goddert von Oheimb von der Fachrichtung Forstwissenschaften der TU Dresden. So können zum Beispiel Aufforstungsprogramme in Ländern, welche die vielfach dramatischen Auswirkungen früherer Waldrodungen abmildern wollen, dann deutlich verbesserte Wohlfahrtswirkungen erzielen, wenn sie anstelle von üblichen Monokulturen artenreiche Mischungen auf kleinräumiger Ebene aus heimischen Baumarten verwenden. Zudem zeigen die Befunde, wie wichtig heute ein langfristig wirksamer Schutz der globalen Biodiversität ist: Diese stützt in vielfältiger Weise nicht nur die Funktionstüchtigkeit von Ökosystemen, sondern auch die vom Menschen genutzten Ökosystem-Dienstleistungen. „Dies sollte uns klar machen, dass Biodiversitätsschutz keineswegs ein rein ökologisches oder ethisches Anliegen ist, sondern längst zu einer sozio-ökonomischen Notwendigkeit geworden ist“, so Dr. Andreas Fichtner.

Die daraus folgende zu erwartende Tendenz bestätigt eine zweite Publikation: Artenreiche Wälder sind „produktiver“ und speichern mehr CO2 (annähernd doppelt so viel) als Forst-Monokulturen. Biodiversität und Klimafunktion sind sozusagen eine Win-Win-Situation. Die in China gewonnenen Erkenntnisse lassen sich wohl auf viele Waldökosysteme der Erde übertragen. Insbesondere für Wiederaufforstungen sollte zukünftig die Pflanzung von Monokulturen unterlassen werden. Auch die Wohlfahrtsfunktion des Waldes ist mit artenreichem Wald besser erfüllt.

Aus der begleitenden Pressemitteilung des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung Halle Jena Leipzig vom 5.10.2018: „„Diese Ergebnisse haben grosse ökologische und ökonomische Bedeutung“, unterstreicht Prof. Bernhard Schmid von der Universität Zürich, der Letztautor im über 60-köpfigen Autorenteam der aktuellen Publikation in SCIENCE.(…)Weltweit gibt es Pläne für große Wiederaufforstungsprogramme, um mit neuen Wäldern Klimaschutz zu betreiben. Allein in China wurden zwischen 2010 und 2015 pro Jahr 1,5 Millionen Hektar Wald neu angepflanzt – allerdings hauptsächlich mit schnell wachsenden Monokulturen. „Mit einer Mischung aus einheimischen Baumarten ist es möglich, eine höhere Produktivität zu erreichen, womit sich auch das Klima besser schützen lässt“, gibt Helge Bruelheide zu bedenken. „Artenreiche Wälder sind auch weniger empfindlich gegenüber Krankheiten oder extremen Wettereignissen, die durch den Klimawandel immer häufiger werden. Und sie sind ein Beitrag zum Erhalt der weltweit bedrohten biologischen Vielfalt.“ Zudem mache es sich auch wirtschaftlich bezahlt, bei Aufforstungen Mischkulturen zu verwenden, so die Studienautoren: Rechnet man die im Experiment beobachteten Effekte auf die weltweit vorhandenen Wälder hoch, ergibt sich, dass ein Rückgang der Baumarten um zehn Prozent zu Produktionsverlusten von 20 Milliarden US-Dollar weltweit pro Jahr führen würde.“

Eine alte Weisheit wurde jüngst in umfangreichen Messungen bestätigt: Eine dichtes Kronenwerk hat positive Auswirkungen auf das Mikroklima der Wälder. Im Wald bleibt es kühler. Blätter- oder Kronenverlust bedeutet drastische Erwärmung im vorher kühlen Mikroklima, insbesondere am Boden. Auf solch rasche Veränderungen sind Waldarten weniger gut vorbereitet als Arten des Offenlandes.

Aus einer begleitenden Pressemitteilung der Friedrich-Schiller-Universität Jena vom 14.05.2020: „(…)ein Verlust der schützenden Baumkronen – etwa durch Schädlingsbefall, Sommertrockenheit oder durch die Forstbewirtschaftung – eine zusätzliche, drastische Erwärmung für die darunter wachsenden Pflanzen nach sich ziehen würde, auf die sie schlecht vorbereitet sind. Plötzlich läge ihr bisher kühler, schattiger und meist auch luftfeuchterer Standort viel öfter und länger in der brütenden Hitze. Gleichzeitig trocknet der Boden aus. Viele Arten könnten sich nicht schnell genug anpassen, würden von wärmeliebenden Arten verdrängt und möglicherweise lokal aussterben. Angesichts der zu erwartenden Zunahme von sommerlichen Hitzewellen und Dürreperioden in Europa dürfte dies die Waldbiodiversität verändern, aber auch zu Schwierigkeiten bei der Verjüngung vieler Baumarten führen. „Eine zu starke Auflichtung des Kronendaches sollte – wo immer es möglich ist – vermieden werden“, sagt der Jenaer Ökologe. Vielmehr sollten Waldbewirtschafter die Auswirkungen von Forsteingriffen auf die Klimabedingungen im Waldesinnern und deren Einfluss auf das gesamte Ökosystem berücksichtigen.“

In einer Lücke eines monotonen Fichtenforstes (im Hintergrund): Reiche Naturverjüngung einer der wenigen alten Buchen (Naturverjüngung im Mittelgrund, die Sämling-spendende Buche rechts vorne; im Vordergrund verjüngt sich auch die Fichte). Wirtschaftsforste besitzen „Selbstheilungskräfte“, und würden sich nach und nach in angepasste Mischwälder umwandeln, wenn noch genügend standortangepasste Exemplare der einst reichen Waldlebensgemeinschaft vorhanden sind. Das Bild entstand im „Bannholz“, einem überwiegend bäuerlich genutzten Gebiet bei Außernzell im Schöllnacher Hügelland, Niederbayern. Foto: Wolfgang Epple
Weitere Blicke in das „Bannholz“ bei Außernzell/Schöllnacher Hügelland/Niederbayern. Oben: Jungbuchen erobern den Wirtschaftswald auf natürliche Weise. In solchen Bereichen versucht auch die Weißtanne aus wenigen Restexemplaren ein Comeback. Unten: Im eigenen kleinen „Holz“ habe ich in den letzten zwei Jahren ca. zwei Dutzend Fichten gefällt. Selbst relativ junge, ca. 70-jährige Exemplare zeigten auf lehmigem Boden bereits Krankheitserscheinungen wie Kernfäule…In die entstandenen Lücken wachsen zügig hinein: Vogelbeere, Espe, Birke, Kirsche. Die schon vorhandenen Buchen und Eichen haben Platz, legen kräftig zu und beginnen selbst in den letzten beiden trockenen Jahren 2018 und 2019, das Kronendach wieder zu schließen. Die Eiche links der Mitte des Bildes ist nicht dürr im Kronenbereich, sondern schlägt Mitte Mai 2020 gerade erst aus. Die Kraut- und Strauchschicht sowie die lebhaft einsetzende Naturverjüngung bieten in diesen Flächen Rehen und Feldhasen Nahrung…Beide Fotos: Wolfgang Epple

Große Teile der monotonen Forste Deutschlands könnten nach den Käferkalamitäten, die durch standortfremde Monokulturen erst befördert werden, nun behutsam und mit der für den Wald angemessenen Geduld in artenreiche und stabile Mischwälder umgebaut werden. Auf den durch Sturm oder Käfer entstehenden Blößen in den Forsten könnten Laubbäume gefördert werden, die unter anderem auch zur Klima-Stabilität des neu entstehenden Waldes beitragen. Buchen, Ahorne, Linden, Eichen, Eschen, Hainbuchen, Wildkirschen, auch seltener Arten wir Elsbeeren, in warmen Gegenden Esskastanien… Nicht zu vergessen: die rasch wachsenden Arten der frühen Waldentwicklungsstadien auf Blößen: Birken, Espen, Vogelbeeren, Weiden…Das alles gehört zum Wald, und ist aus den meisten wirtschaftlich genutzten Forsten verdrängt. Die Schößlinge und Triebe der Laubbäume, ihre Blüten und Früchte sind zudem Nahrung für die als Waldschädlinge verschrieenen Wildtiere…von den Insekten über Kleinsäuger bis zu den großen Pflanzenfressern.

Eine aktuelle Übersichts-Literatur-Studie in „Science“ (McDowell et al. 2020) unterstreicht die Komplexität des Wald-Naturschutz-Klima-Themas eindrucksvoll: Wetter- und Klima-bedingter Stress mit Folgen (Dürren, Windbruch, Insekten) in Verbindung mit dem weltweiten Holzeinschlag (Stichwort: kurze Umtriebszeiten, Kahlschläge und Primärwaldplünderung bzw.-vernichtung) und Landnutzungswandel (siehe hier) führen zur globalen Tendenz, dass immer jüngere Stadien der Waldentwicklung vorherrschen: Die Bäume der Wälder sind im Schnitt immer jünger und kleiner. In den Folgestadien des Zusammenbruchs wachsen andere Wälder nach mit voraussichtlich kürzeren Lebens-Zyklen. Die Positiv-Effekte des erhöhten CO2-Gehaltes der Atmosphäre auf das Wachstum von Bäumen werden nach diesen Erkenntnissen insgesamt wieder durch die genannten negativen Aspekte insbesondere in den Alterswäldern gedämpft, sodass insgesamt aus diesem Antagonismus eine Einschränkung der CO2-Senkenfunktion und anderer Wohlfahrtsfunktionen der Wälder der Erde resultiert…Im Abstract des Artikels klingt dies wie eine Warnung an (Übersetzt aus dem Original):

„(…) Es gibt weit verbreitete Beobachtungen zur zunehmenden Baumsterblichkeit aufgrund von Klima- und Landnutzungsänderungen sowie Beobachtungen zur Wachstumsstimulation jüngerer Wälder aufgrund der CO2-Düngung. Diese antagonistischen Prozesse treten weltweit gleichzeitig auf und lassen das Schicksal zukünftiger Wälder ungewiss (…)“

So viel scheint bei aller Vorsicht nach herrschendem Wissenstand sicher: Möglichst naturnahe Wälder und die Stützung natürlicher Anpassungsprozesse sind weltweit die beste Investition für eine Erde mit gesicherten, reichhaltigen Waldökosystemen, – eine Erde mit Wäldern, die ihre Wohlfahrtsfunktionen (s.o.) auch für zukünftige Generationen erfüllen.

Und: Die Schonung der letzten Primärwälder der Erde hat allerhöchste Priorität.

Es würde der deutschen Medien-Elite gut stehen, anstelle der gebetsmühlenartig wiederholten Alarmmeldungen eines alleine auf den Klimawandel als Ursache reduzierten Waldsterbens mit dem immer wieder kehrenden notorischen Hinweis und Katastrophenbildern der durch Borkenkäfer geschädigten Fichten-Monokulturen Deutschlands auf die faszinierenden und durchaus gleichzeitig bedrohlichen Zusammenhänge hinzuweisen, die durch aktuelle Forschungen aufgezeigt werden.

Ob im selbsternannten Naturschutz-Vorzeigeland Deutschland die Chance für naturnahe Wälder endlich genutzt wird?

Wann finden differenzierte Darstellungen in den Medien Berücksichtigung?

Geduld, der Beitrag ist noch im Entstehen