Oktober 23, 2021

Ansiedlung des Weißstorches in Außernzell – eine kleine Naturschutz-Erfolgsgeschichte

Das Beitragsfoto zeigt den Storchenhahn des Außernzeller Storchenpaars im Flug. Er ist leicht zu erkennen an einer dauerhaften Lücke im linken Flügel. Foto: Wolfgang Epple

Ein Sprichwort sagt: Tue Gutes und rede darüber. In einem beglückenden Falle reihe ich eine Geschichte aus dem eigenen Leben unter den positiven Beispielen ein.

Der Hintergrund: In Außernzell, unserer wunderschönen Wahlheimat, haben noch nie Weißstörche gebrütet, jedoch:

Im Jahr 2019 hat ein Paar versucht, auf einem Baukran ein Nest zu errichten, und scheiterte mit diesem Versuch.

Die Nisthilfe wurde, nachdem uns dieser vergebliche Ansiedlungsversuch im Jahr 2019 ein Jahr später bekannt geworden war,  von meiner Frau und mir der Gemeinde als Einstandsgeschenk gemacht.

Eine Nisthilfe wird vorbereitet…

Es waren – neben dem finanziellen Aufwand – über Monate hinweg etliche logistische Schritte und helfende Hände von Nöten und beteiligt:

Herstellung des Horstkorbes durch den jungen Schlosser Michael Urmann aus Schöllnach im Januar 2020:

Professionelle Schlosserarbeit für den Ganzheitlichen Naturschutz. Dank an Michael Urmann aus Schöllnach! Foto: Wolfgang Epple

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Im Februar 2020 wird eine Fichte aus unserem kleinen Waldbesitz auf ihre große Rolle vorbereitet. Bürgermeister Michael Klampfl mit Schwiegersohn Tobias Fischl bei der fachgerechten Fällung.

Anna Lena Leimbach-Epple hilft bei der Entrindung…Fotos: Wolfgang Epple

…und an guter Stelle der Gemarkung platziert:

In Abstimmung mit Bürgermeister Michael Klampfl/Außernzell wurde die Nisthilfe auf unseren Vorschlag im Februar 2020 am Ortsrand von Außernzell, im Bereich der „Kleinen Ohe“ aufgestellt.

Der Horstkorb wird an den Fichtenstamm montiert. Dank an die motivierten Helfer! Foto: Wolfgang Epple
Vorbereitung der Nestgrundlage. Holzwolle und Naturholz…Foto: Anna Lena Leimbach-Epple

Auf dem Traktor Tobias Fischl aus Gunzing. Danke für den umsichtigen und gekonnten Einsatz! Foto: Wolfgang Epple
Der Horst steht (!) … leicht gen Osten geneigt ;-))…Fotos: Anna Lena Leimbach-Epple


Der Bereich der „Kleine Ohe“ bot sich an, weil in unmittelbarer Horstnähe augenscheinlich wertvolle Nahrungshabitate sind. Die Störche werden sicher nicht nur diesen Bereich, sondern auch andere Bereiche der Talaue – wie sich in den ersten Tagen zeigt besonders Richtung Schöllnach – und selbstverständlich auch höher liegende Ackerflächen bei Gelegenheit nutzen. Jede extensiv genutzte Fläche mit Kleintierangebot ist auch Nahrungshabitat.

Im Jahr 2020 passierte wenig: nur ein Besuchsstorch im Mai…manch einer lächelte, unser Optimismus aber blieb…

Nach einem weiteren Jahr Abwarten : Außernzell wird zur Heimat eines Storchenpaars

Am 25. April 2021 war es dann so weit: Zwei Störche kamen an diesem Sonntag an. Sie waren offensichtlich bereits verpaart, denn die Paarung fand schon am ersten Tag statt!

Viele Bürger kamen an den Ortsrand, es wurde kräftig „gepostet“, und wenige Tage später berichtete die Passauer Neue Presse

Das Storchenpaar unmittelbar nach der Ankunft (oben) und bei der Paarung im Nest. Das Weibchen sitzt in diesem Falle…Fotos: Wolfgang Epple

Die Feuchtgrünländereien, die von Tobias Fischl an der „Kleinen Ohe“ in Erstpflege genommen wurden, sind wichtige Bestandteile des Weißstorchhabitats in Außernzell. Auch das geschützte Feuchtgebiet an der „Kleinen Ohe“ südöstlich des Ortes hat sicher zum Erfolg der Ansiedlung beigetragen.

Die Situation in Außernzell ist nahezu ideal: die Störche können vom Horst „barrierefrei“ ins Nahrungsgebiet gleiten…Foto: Wolfgang Epple

Die ufernahen Bereiche werden zur Schreit-Jagd genutzt. Foto: Wolfgang Epple

Ab Anfang Mai wird gebrütet…
…Eiwenden und Brutablösung, beide Partner sind fleißig…
…und die Idylle ist perfekt. Alle Fotos: Wolfgang Epple
Schrecksekunde: Am 6. Mai 2021 liegt ein zerbrochenes Ei unter dem Horst. Einen halben Tag lassen sich die Störche nicht mehr sehen…Aber der Brut-Trieb ist stark, – es geht doch weiter, und…
…ab Mitte Juni sind bei genauem Hinschauen zwei Küken erkennbar!! Geschlüpft sind sie um den 4. Juni 2021 herum…
Beide Storcheneltern sind nun immer mehr gefordert. Runde 1,5 kg Nahrung in Form von Kleintieren aller Art müssen für jedes Küken täglich zum Nest. Man kann den vollen Kropf des ankommenden Elternvogels erkennen….

…und der wird sehnsüchtig und hungrig erwartet und begrüßt. Übrigens: Storchenküken klappern vom ersten Tag an. Man kann es angesichts der weichen Schnäbel allerdings lange nicht hören…
An den heißen Tagen im Juli werden die Jungen auch von Schnabel zu Schnabel getränkt. Das Wasser stammt aus der Kleinen Ohe…
Mit offenen Schnäbeln wird gehechelt, ganz ähnlich, wie das Säugetiere auch tun…
Mitte Juli (hier am 11. Juli) sind die Jungstörche schon richtige Brocken. Bei der Ankunft eines Elternvogels ducken Sie sich auf die Intertarsalgelenke, und werden zum Betteln „ganz klein“.

Nun wacht nicht mehr immer ein Altvogel am Nest; die beiden Jungstörche üben auch schon mal…
…das Ausfechten kleiner Meinungsverschiedenheiten mit den Schnäbeln. Alle Fotos: Wolfgang Epple
Nach wie vor bilden die Wiesen in unmittelbarer Horstnähe wichtige Nahrungsquelle.

27. Juli 2021: Erste zaghafte Flatterspünge eines der beiden Geschwister. Noch stecken die großen Handschwingen in den Federschäften, und Flugfähigkeit ist noch lange nicht erreicht…aber bald kann es losgehen. …

Die Eltern erscheinen nur noch zum Füttern am Nest. Die augenscheinlich gute Entwicklung der Jungstörche zeigt, dass eine gute Nahrungssituation in Außernzell herrscht. Fotos: Wolfgang Epple

Auf nahegelegenen Dächern ruhen sich die Altstörche gelegentlich aus und es wird elterliche Wache gehalten – der Horst mit dem Nachwuchs „beobachtet“.
Dort herrscht insgesamt angesichts der entspannten Situation große Eintracht. Putzen und sorgfältiges Vorbereiten des Gefieders, oft synchron bei beiden Geschwistern.

Die Paarbindung hält…man benutzt das Scheunendach am Ortsrand gemeinsam, und hat Ruhe vor den immer hungrigen Jungen.
Fotos: Wolfgang Epple
Währenddessen tragen die Übungs-Flug-Sprünge der Jungstörche immer höher über den Horst…

…und am 07. August 2021 verlässt ein Jungstorch zum ersten mal das Nest. Er landet auf dem Dach des Nachbarhauses, und tappst vorsichtig auf dem First. Fotos: Wolfgang Epple

Am 09. August 2021 sind erstmals die Geschwister zusammen unterwegs…

… Sie kehren zur Fütterung und „zur Sicherheit“ noch ins Nest zurück. Fotos: Wolfgang Epple

Die Außernzeller Störche sind unberingt. Vermutlich gehören Sie angesichts der späten Ankunft zur Ost-Population. Aber das ist unsicher, denn Erstansiedlungen sind häufig „später dran“. 

Das selbe Dach wird gerne von den Elternvögeln genutzt, um die Jungen zum Verlassen des Nestes zu bewegen: Sie zeigen sich auffällig oft in Nestnähe, aber ohne Futter…
… und fliegen demonstrativ voraus in die Horst-nahen Wiesen.

Der linke obere Vogel ist einer der Jungstörche, die vorerst immer gemeinsam den Eltern folgen…
…Fliegen in der Nähe des Elternvogels (am Boden) bereitet dem jungen Storch sichtlich Freude…
…Mitte August sind die voll flugfähigen und schon sehr ausdauernden Jungstörche bereit zur großen Reise in den Süden. Die Bilder entstanden am 16. August 2021 zwischen Außernzell und Gunzing, in dem bei der Storchenfamilie besonders beliebten Areal. Alle Fotos: Wolfgang Epple

Am 17. August 2021 gelang noch dieses Bild der ganzen Storchenfamilie in den feuchten Wiesen an der „Kleinen Ohe“ direkt in Horstnähe. Rechts dichter beieinander die beiden Jungstörche. Sie zeigen erheblich größere Scheu vor Fahrzeugen und Menschen als die beiden erfahrenen Elterntiere. Foto: Wolfgang Epple

In der Nacht vom 24. auf den 25. August 2021 übernachteten die beiden flüggen Jungstörche ein letztes Mal im elterlichen Horst. Danach sind sie wohl auf die Reise gegangen. Sie wurden nicht mehr gesehen. Die beiden Altstörche konnten am Sonntag, 29. August 2021 gegen 12.30 ein letztes Mal über dem Dorf kreisend gesichtet werden, bevor sie in große Höhe segelnd am Himmel nach Südosten verschwunden sind. Foto: Wolfgang Epple

Der Verlauf dieser Neuansiedlung der Störche und die erfolgreiche Brut sind als Reaktion auf das Horst-Angebot ein wunderbares Geschenk. Dies gerade in diesem Jahr 2021, in dessen Verlauf viele Jungstörche in ganz Bayern und Süddeutschland Opfer der Wetterkapriolen geworden sind: Erst war es im Mai in der Haupt-Periode des Schlüpfens sehr kalt und nass. Die noch sehr kleinen Jungvögel verhungerten oder verendeten witterungsbedingt. Die gewittrigen Hagelstürme des Frühsommers haben dann zusätzlich zu erheblichen Verlusten geführt. Außerdem ist der Außernzeller Bruterfolg ein Hinweis, dass verbreitete Lehrbuchweisheiten über die Habitatansprüche der Störche nur bedingt richtig sind: Auch wenn es nicht mehrere Hundert Hektare Feuchtwiesen in der Außernzeller Gemarkung gibt, ist die Vielseitigkeit der abwechslungsreichen Kulturlandschaft mit entscheidend. Um die Störche jedoch dauerhaft zu unterstützen, wird es sicher sinnvoll sein, geeignete Lebensraum-Verbesserungen anzugehen. Besonders eingestreute Feuchtstellen und Kleingewässer sind geeignet, die Nahrungsgrundlage der Störche zu stabilisieren und sogar zu verbessern. Der Nahrungsbedarf für die heranwachsenden Jungstörche ist enorm, und beträgt in der Hauptwachstumsphase täglich mehr als 1 kg pro Individuum in Form von Kleintieren…

Eine weitere Lehre für den Naturschutz erteilen uns die Außernzeller Störche; sie ist eigentlich nicht neu, aber wird neuerdings selbst von ehemaligen Naturschutzverbänden, die sich heute als Klimaschutzverbände an der Schwächung des Naturschutzes beteiligen, nicht mehr richtig erkannt:

Individuen zählen für den Naturschutzdas zeigt die Geschichte der Außernzeller Störche

Die diesjährigen großen Verluste an Jungvögeln und die erfolgreiche Neuansiedlung des Weißstorchs in Außernzell zeigen, dass und wie sehr es im Artenschutz auf die Individuen ankommt.

Gerade der individuelle Schutz von Wildtieren – auch der von Störchen – wird von der Windkraftbranche und den mit ihr paktierenden Umweltverbänden angegriffen und aufgeweicht. Ausführlich habe ich dazu in meinem Buch zur Windkraft (s.u.) Stellung genommen; und auch in diesem Beitrag zum von der Windkraftbranche gefeierten „Vogelfrieden“ des NABU ist die für den Naturschutz brennend aktuelle Problematik aufgegriffen. Der Essay ist auch in das Buch zur Windkraft als Anhang aufgenommen. „Naturverträglicher Ausbau der Windkraft“ ist schlicht nicht möglich. Und diese Industrie-Branche nimmt – gestärkt durch ständigen Rückenwind einseitiger Medien – zunehmend offen keine Rücksicht mehr auf den Artenschutz.

Das Bild zeigt einen durch eine Windkraftanlage zerteilten Weißstorch. Foto: Tobias Dürr.
Gibt es wirklich keinen Grund, beim Bau von Windkraftkolossen innezuhalten, weil die Population durch das Schreddern eines Individuums „nicht gefährdet“ ist?

Die kleine Erfolgsgeschichte der Störche in Außernzell wird hoffentlich fortgesetzt, denn:

Es gibt Anlass zur Hoffnung , dass die Außernzeller Störche nächstes Jahr wiederkommen und , falls es zur Tradition des Horstplatzes kommt, zur Festigung der in unserem Bereich am Fuß des Bayerwaldes nicht sehr ausgeprägten Storchenbevölkerung beitragen. Ein Ansporn für weiteren Flächenschutz sind diese Störche allemal…Insbesondere aber sollte unsere schöne Landschaft nicht auf dem Altar eines „Klimaschutzes“ geopfert werden, der die naturfressende Invasion der Windkraftindustrie irrtümlich gleichsetzt mit einem Beitrag zur Weltrettung. Siehe hier und hier.

Auf Außernzeller Gebiet hat sich im Sommer 2021 ein zweites Storchenwunder ereignet. Im Bannholz, dem Waldgebiet bei Außerrötzing/Gunterding, haben Schwarzstörche erfolgreich gebrütet und wohl einen Jungvogel durchgebracht. Er ist zur gleichen Zeit wie unsere Weißstörche flügge geworden. Das Bild zeigt den jungen Schwarzstorch am 02. August 2021 während der Nahrungssuche auf Wiesen in der Nähe des Ellerbaches. Schwarzstörche sind als scheue Waldbrüter besonders empfindlich gegen Störungen und von der Invasion der Windkraft in ihre Wald-Bruthabitate besonders stark betroffen. Zu den Ungeheuerlichkeiten und Auswüchsen der Energiewende gehört, dass ihre Horste und Brutareale in Deutschland – ähnlich wie beim Rotmilan – schon gezielter Störung und Vernichtung ausgesetzt sind, um für Windkraft Platz zu schaffen; Belege dazu in meinem Buch (s.u.)… Foto: Wolfgang Epple

Den Schutz der uns anvertrauten Geschöpfe auf die Populationsebene zu beschränken bzw. abzuheben, bedeutet das Ende des Begriffes „Unter Naturschutz“. Die individuelle Schutzwürdigkeit haben uns gerade die Außernzeller Störche – und zwar sowohl die weißen als auch die schwarzen (!!) – gezeigt.

Denn was für eine verachtende, ja zynische Argumentation ist es, zu sagen: „Wenn da Einzelne umkommen, ist es nicht relevant, weil die Population in Bayern nicht gefährdet ist…“

Wer sich interessiert, findet hier ausführliche Argumentationshilfe:

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