Juni 1, 2020

Ethik für einen ganzheitlichen Naturschutz – Versuch einer Richtschnur

Quelle Beitragsbild: Pixabay

Von der Gerechtigkeitsfrage zur Ethik

Wie auf der Startseite betont, hat eine ganzheitliche Herangehensweise an Naturschutzfragen ethische Konsequenzen. Aus den erkennbaren Defiziten und nicht gelösten Fragen, besonders aus den aktuellen Herausforderungen der weltweiten Bedrohung der Natur durch den Energiehunger einer weiter wachsenden Menschheit, durch die weitere Landnahme dieser wachsenden Menschheit auf Kosten der Primärnatur, aus der Ungleichverteilung zwischen den Menschen, durch das Eindringen des Menschen in die letzten Wildnisse der Erde, durch die Übernutzung natürlicher Ressourcen und im Hinblick auf die Problematik um Arten, die in Interessenkonflikt mit den Menschen geraten, zusätzlich aus der Problematik des umfassend nicht gelösten Senkenproblems, ausgelöst durch den enorm gesteigerten wirtschaftlichen Stoffwechsel der gesamten menschlichen Tätigkeiten auf unserem Heimat-Planeten stellt sich insgesamt die Frage der Gerechtigkeit in umfassendem Sinne: Es ist die Frage des gerechten Teilens bei der Benutzung aller Ressourcen des Planeten. Und dabei geht es nicht nur um Gerechtigkeit zwischen Menschen. Es geht um einen Umgang mit allem natürlich Seienden, der diesen Begriff verdient.

An die allem vorausgehende Frage der Gerechtigkeit aber schließt sich zwingend die Frage nach sittlichem Verhalten, also die Formulierung einer Ethik an.

Die Folge unserer natürlichen Herkunft

Ich möchte ein wenig provozierend an die Herkunft des Menschen, an sein Werden im Laufe der Stammesgeschichte erinnern, und diese Fragen vorausschicken: Wann endlich begreifen wir Menschen das noch immer fortwährende Wunder unserer Naturbürtigkeit? Wann lassen wir endlich ein, dass unsere Herkunft uns verpflichtet? Wann endlich akzeptieren wir, dass die Erde vergleichbar einer Allmende ist, die wir nicht nur unter Menschen, sondern mit allem natürlich Seienden und allem natürlich Gewordenen teilen müssen – und zwar gerecht, vorausschauend, nachhaltig – für unser eigenes Überleben, für ein gutes Leben?

Ethik – eine Entwicklungsfrage

In den folgenden Betrachtungen wird der Versuch unternommen, die für eine Ethik des ganzheitlichen Naturschutzes plausibel erscheinenden Ansätze einer integralen Theorie „von allem“ nach Ken Wilber mit den Denkanstößen für eine Erweiterung der Ethik über den Anthropozentrismus hinaus zu einer pluralistisch-holistischen Ethik nach Martin Gorke im Sinne einer Synopse zu ordnen. Den vielen an anderer Stelle verfeinerten Theorien zur Nachhaltigkeit kann in diesem Rahmen nicht nachgegangen oder gar gerecht werden.

Das hier vorgetragene Plädoyer für eine möglichst weitreichende, über den Anthropozentrismus hinausreichende Ethik für den Naturschutz soll begründen, weshalb auch Ethik einer Entwicklung vergleichbar den natürlichen ineinander geschachtelten Hierarchien der Natur, den Holarchien (s.u.), zugänglich und unterworfen ist. Eine holarchische Sicht begründet ohne Zwang und widerspruchsfrei sowohl die Sonderstellung des Menschen in der Natur, als auch meine auf dieser Homepage immer wieder betonte Grundvoraussetzung aller Befassung mit dem Naturschutz: Die Verwirklichung von Gerechtigkeit zwischen den Menschen. Salopp könnte man formulieren:

Erst wenn wir Menschen unsere Hausaufgaben innerhalb der der anthropozentrischen ethischen Umhüllung der Mitmenschlichkeit erledigt haben, steht unser Fundament fest genug für die Begründung und Verteidigung aller Argumente, die von einem gesunden Egoismus über die Läuterung des Anthopozentrismus bis hinaus und hinauf zu einer barmherzigen Weltsicht reichen und in Konsequenz unsere Froschperspektive des reinen anthropozentrischen Nutzen-Denkens sprengen. Hans Jonas hat entscheidende Gedanken zur Sprengung des anthropozentrischen Denk- und Moral-Rahmens in seinem Hauptwerk „Prinzip Verantwortung“ (1979) beigetragen. Meine Würdigung der Jonas’schen Verantwortungsethik unter Naturschutzaspekten finden Sie auch unter Publikationen.

Allle im Folgenden verwendeten Literaturzitate und (leicht veränderte) hier verwendeten Texte und Grafiken sind zu finden bei Epple 2009 und wurden teilweise auch in der Denkschrift Epple( 2017) eingebettet; siehe unter Publikationen.

Die Holarchie der Ethik

Zunächst zum Begriff Holarchie:

Der Begriff des Holons (Teil-Ganzes) und der Holarchie (verschachtelte Hierarchie) wird von Ken Wilber (1997, 2006) verwendet, um die universelle Tatsache, dass alle natürlichen Seinsformen Ganze und gleichzeitig Teile eines umfassenderen Ganzen sind, zu beschreiben. Jedes Holon hat einerseits Autonomie, also „Selbstzweck“, und ist andererseits in ein Beziehungsgeflecht eingebunden. Damit ist die Wirklichkeit aufsteigender evolutionärer Komplexität vorstellbar in „Hierarchien“ von Holonen, sie ist „holarchisch“. Veranschaulichen kann dies folgende äußerliche Holarchie: Elektronen sind Teile von Atomen, diese sind Teile von Molekülen, die sind Teile von Zellen, diese Teile von Geweben, diese Teile von Organen, diese Teile von Körpern. Die Tiefe eines Holons, gleichzeitig seine evolutionäre Bedeutung, wächst entsprechend seiner immer weiter reichenden Umfassung vieler Ebenen und der Verflechtung mit anderen Holonen. Die „unteren“ Schichten repräsentieren das Grundlegende: Atome sind sehr verbreitete Grundlage von organischem und anorganischem Sein. Bedeutendes baut auf Grundlegendem auf, Höherentwickeltes behält das evolutionär Bewährte des Grundlegenden bei, das es mit der nächsten Ebene von Bedeutung „umhüllt“, in Beziehung setzt und mit etwas Neuem versieht. Die Verschachtelung von Holarchien hat im evolutionären Maßstab inhaltliche, räumliche und zeitliche Dimension. Das Komplexere, Bedeutendere folgt innerhalb eines holarchischen Entwicklungsstranges dem Grundlegenden. Entscheidend für die Holarchie und den Zusammenhang zu unserer ganzheitlichen Naturschutzfrage ist: Das Bedeutendere kann ohne „seine“ grundlegenden Holone, „aus denen es ist“, nicht existieren. Bei Zerstörung des Grundlegenden zerfällt das Bedeutende, schon bei Beschädigung nur von Teilen oder Ebenen des Beziehungsgeflechtes wird es teilbeschädigt. Je größer die Ganzheit, die ein Holon umfängt, umso größer sind nun seine „Rechte“ oder „Freiheiten“ zu „funktionieren“ bzw. zu „agieren“. Es  entstehen jedoch gleichzeitig durch die vielseitigen Bedingungen des Geflechts, die es in sich gehüllt hat, und Beziehungen, in die es verknüpft ist, diesen entsprechende „Pflichten/Notwendigkeiten“ für die Aufrechterhaltung des Geflechts (Einzelheiten bei Wilber 2006: 88).

Beispiele:

Oben: Äußerliche Holarchie des Individuums.
Unten: Die Holarchie des Innerlichen eines Individuums. In diesem Falle, da wir von „Geist“ ausgehen, ein Menschenindividuum
Die jeweils unteren, inneren Umhüllungen können gelesen werden: „…ist Teil und Grundlage von…“ Eine wichtige Konsequenz holarchischer Sicht: Beschädigung grundlegender Sphären bedeutet Schädigung bzw. Nicht-Möglichkeit aller darüber liegenden Umhüllungen. Die Abbildungen sind entnommen aus dem persönlichen ppt-Curriculum und Archiv Wolfgang Epple.

Die folgenden Grafiken mögen veranschaulichen, was das Holarchieprinzip für die Entwicklung einer Ethik eines ganzheitlichen Naturschutzes bedeutet:

Der Erweiterung der Ethik über den Anthropozentrismus hinaus (obere Grafik verändert nach Gorke 1999) entspricht eine Ausdehnung des Verantwortungskreises und der Moralgemeinschaft über den Menschen hinaus mit der Vertiefung der Reichweite von Verantwortungs- und Mitgefühl (untere Grafik, verändert nach Epple 2009; Stufen der Moral sind konkretisiert in den Tabellen unten). Diese Ausdehnungen sind im Idealfall „Holarchien“ im Sinne Wilbers (1997, 2006; vgl. Fußnote 11 in Epple 2009): Jede Umhüllung ist grundlegend für die nächste. Bewährtes wird im Rahmen einer „guten“ Entwicklung beibehalten, vertieft und mit Neuem versehen. Die Argumente der Egozentrik und des Anthropozentrismus sind in der Erweiterung der Moralgemeinschaft demnach keinesfalls nur zu verwerfen, sondern haben ihre Berechtigung. Sie werden ergänzt und vertieft. So gehört zur Lebensfähigkeit auch ein „gesundes“ Maß an Egozentrik. Dies bedeutet „von oben nach unten betrachtet“: Eine Gesellschaft, in der Mitmenschlichkeit nicht verwirklicht wird, hat keine Basis für die höheren Ebenen des Mitgefühls. Mitgeschöpflichkeit, umfassender Artenschutz oder gar umfassend gefühltes und gelebtes „Mitsein in der Natur“ als erweiterte Kennzeichen der „Tiefenökologie“ (vgl. Naess 1997) und einer barmherzigen Weltsicht können ohne die Basis verwirklichter Mitmenschlichkeit nicht erreicht werden.

Die Ethiken, die in Stufen über den Anthropozentrismus hinausreichen, werden in der Literatur als Physiozentrismus zusammengefasst.

Das Holarchiemodell bietet ­ angewandt auf Stufen des moralischen Urteils ­(etwa nach Lawrence Kohlbergs Modell) auch schlüssige Denkansätze zur fallweisen Aktivierung grundlegender Fähigkeiten/Strukturen in der persönlichen Entwicklung bereits durchschrittener Stufen/Wellen, die in der erreichten Ich­-Identität des jeweiligen Individuums „weiterschlummern“ (siehe die Tabellen weiter unten; Tab. 2 in Epple 2009, Fußnote 19). Dazu gehören auch Rückfälle in negativem Sinne, etwa in Situationen nicht ausreichender Gerechtigkeit oder Knappheit von Versorgung der Grundbedürfnisse.

Moralische Entscheidungen finden im Spannungsfeld der äußerlichen materiellen und der innerlich subjektiven Wirklichkeit statt. Für ethische Abwägungen entsteht eine Richtschnur. Entscheidend: Altruistischer Naturschutz (siehe Tabelle unten) muss nicht mit einer „Gleichmacherei“ von Mensch und Natur“ im wertetheoretischen Sinne einhergehen. Denn dies ist der gängige, notorische Vorwurf des nutzenorientierten Anthropozentrismus gegen den Naturschutz, gerade auch im Rahmen der Windkraftinvasion: „Sind Wildtiere etwa mehr wert als der Mensch?“
In der Zusammenschau behält der Mensch in Würdigung der bei ihm aufs Äußerste vertieften Subjektivität seine Sonderstellung (rechte Seite; zur evolutionären Vertiefung der Subjektivität der Selbstzwecke der Organismen vgl. Jonas, 1979: 157). Aus dieser erwächst seine (ethische) Verantwortung für Individuen, Spezies, Ökosysteme (bis zur globalen Dimension). Zu beachten ist: In der linken Umhüllung ist das Individuum als ein individuelles Teil-Ganzes (Holon) außerhalb versinnbildlicht; Lebensgemeinschaften, Spezies und Populationen setzen sich aus Individuen zusammen; es handelt sich um verschiedene ökologische Systemebenen der Makroevolution auf derselben evolutionären Ebene wie die Individuen, an denen die Mikroevolution stattfindet. Deshalb können diese Ebenen der linken Seite der Abbildungen nicht im Sinne einer Holarchie gedacht bzw. ineinander geschachtelt werden (siehe Wilber 2006:113 ff;). Die auf der rechten Seite der Grafik symbolisierte Entwicklung der inneren Subjektivität dagegen ist eine Holarchie im evolutionären Maßstab. In der äußeren Wirklichkeit(linke Seite)„umhüllt“ ein von Menschen definiertes „Ökosystem“ nur räumlich und funktional die Systemebenen bis hinab zu Populationen und Individuen, die „darin“ leben.

Aus den Grafiken lassen sich erste schwerwiegende – und unter Ethikern weiterhin diskutierte – Folgerungen herleiten:  

Aus der Zusammenschau „wiegt“ menschliches Leben „schwerer“ als das eines Tieres (rechte Seite). Allen Ebenen kann jedoch angemessener eigener Wert (intrinsischer Wert) oder „Gewicht“ zugestanden werden.

Moralische Abwägung, etwa zwischen menschlichem Individualinteresse und Verlust einer Spezies (linke und rechte Seite), erlaubt keine „Aufrechnung“ beider Seiten und ist streng genommen nicht zulässig, weil moralische Werte keine objektiv messbaren Größen sind. Zur Frage „Mensch oder Natur? – Was hat Vorrang?“ siehe unten.

Vielmehr ist jeweils die moralische Grundentscheidung entsprechend der erreichten Entwicklungstiefe (siehe untere Tabelle) ausschlaggebend. 

„Gewichtungen“ auf derselben evolutiven Höhe können an biologischen Systemebenen ausgerichtet werden. So ist der weltweite Verlust einer Spezies „höher“ zu gewichten als das lokale Verschwinden einer Population oder der Verlust eines Individuums. Für den faktischen Vergleich der Verluste muss jedoch der konkrete ökologische Beziehungsrahmen des Einzelfalls erfasst sein. Beim Verschwinden eines regional begrenzten Ökosystems ist selten die ganze Weltpopulation einer Spezies betroffen (ausführliche Diskussion z.B. Gorke 1999, weitere Vertiefung Epple 2009). 

Die ethische Bewertung eines Eingriffes in die Natur mit individuell tödlichen Folgen ist nicht durch die äußerliche Gewichtung oder Bewertung ersetzbar.

Stufen der Ethik in Verbindung mit individueller Moral (verändert nach Tab.2 in Epple 2009): Im Rahmen individueller Entwicklung und Reifung (in der Tabelle von oben nach unten) wird der Horizont des Mitgefühls geweitet. Entwicklungsmodelle unterscheiden innerhalb der Hauptstufen (linke Spalte; präkonventionell, konventionell, postkonventionell) verschiedene moralische Vertiefungen (Übersicht und Zusammenschau der Modelle z.B. bei Wilber 2001, 2006). Die für die Ziele und Intuitionen des ganzheitlichen Naturschutzes wesentliche Ausdehnung des Mitgefühls manifestiert sich in stetig abnehmender Egozentrik. Dem können in grober Näherung erweiterte ethische Standpunkte zugeordnet werden (mittlere Spalte). Stufen und Übergänge sind fließend zu denken. Wie die Läuterung des kindlichen Egoismus die moralische Eingliederung in die Gesellschaft ermöglicht, könnte eine Läuterung und schließlich Sprengung des anthropozentrischen Standpunktes nach Überwindung „konventioneller“ Moral-Stufen zur Ausdehnung der Moralgemeinschaft über den Menschen hinaus führen: von Pathozentrik (Mitgefühl genießt alles Leben, das Schmerzen empfinden kann) über Biozentrik (alles Leben hat moralischen Status) zur Ökozentrik bzw. Holismus (alle natürlichen Seinsformen, auch die unbelebten, sind moralisch berücksichtigungswert). Die rechte Spalte zeigt eine begrenzte Auswahl und grobe Zuordnung der innerhalb der jeweiligen Entwicklungstiefe erdenklichen und auch auftretenden Identitäts- und Verhaltens-Merkmale, teilweise in Bezug auf den Umgang mit der Natur. Die Ethik-Begriffe sind verwendet nach Krebs (1997) und Gorke (1999). Persönliche Moral kann nur im Austausch mit anderen Individuen auf Tragfähigkeit und Konsens überprüft und zur ausformulierten Ethik werden. Die Höhe der jeweils (individuell und kollektiv) erreichten Stufen wird von komplexen Sozialisationsprozessen innerhalb der „Intersubjektivität“ des Menschen, also in der Kommunikation der jeweiligen Gesellschaft und von der „Höhe“ des dort möglichen Konsenses bestimmt. Die zunächst heteronome (also von außen) Übernahme von Moralvorstellungen und Weltbild kann dabei – je nach Ausstattung und Lebenserfahrung des Individuums – in immer „reifere“, eigene, autonome Überlegungen und Handlungen zur Ethik führen. Entwicklung wird hierbei in grober Näherung mit abnehmender Egozentrik beschrieben. Die Sprengung des anthropozentrischen Denk- und Moralrahmens ist demnach sowohl eine Frage des Konsenses als auch persönlicher Merkmale und derzeit für große Kollektive im Konsens weltweit außer Reichweite (Einzelheiten mit Literaturhinweisen bei Epple 2009).
Das Gedicht Rainer Maria Rilkes zur persönlichen Reifung greift in vollendeter Poesie die Holarchie der Entwicklung des Individuums auf. Darstellung aus dem persönlichen ppt-Curriculum Wolfgang Epple

Jedes Menschenindividuum fängt „bei „Null“ an. Entsprechend der milliardenfach individuell verschiedenen persönlichen Reifung in allen Bevölkerungen der Erde entsteht folgendes Bild:

Nicht-Anthropozentrismus ist bis heute nirgends auf der Erde mehrheitsfähig. Zur Jahrtausendwende befanden sich etwa 70 % der Weltbevölkerung in konventionellen Moral-Bewusstseinsstadien. Diese Mehrheit legitimiert weltweit etwa 80 % der politischen Macht, während nur etwa 15 % der Weltbevölkerung mit postkonventionellen Stufen enger in Berührung kommen (diese Zahlen nach Wilber 2001). Hier liegt eine der Erklärungen, weshalb „klassischer Naturschutz“ mit dem Inhalt eines über die Artgrenzen reichenden Altruismus im Wettstreit gegen den anthropozentrisch nutzenorientierten „Klimaschutz“ im öffentlichen Wettstreit der Argumente und in der zustimmenden Wahrnehmung unterliegt.

Das Engagement junger Menschen im Rahmen von „Fridays for Future“ oder 350.org für den „Klimaschutz“ ist, wie an den dortigen im Wesentlichen auf CO2 und die Unterstützung von „Erneuerbaren Energien“ reduzierten Forderungen erkennbar ist, nicht im Sinne der auf dieser Homepage vertretenen Ganzheitlichkeit ausgereift. Dies auch dann, wenn Plakate und Parolen der „Klimademonstranten“ suggerieren, man wolle sich um die ganze Erde kümmern. Auch das gelegentliche Huckepack-Nehmen des Artenschutzes erscheint nicht im Kontext der Unterstützung oder gar des Verständnisses für den klassisch-altruistischen und mühsamen Ansatz ganzheitlichen Naturschutzes. Vielmehr mündet die Einseitigkeit der Forderungen der „Klimaschützer“ sogar in Teilen in eine erklärte Frontstellung gegen den Naturschutz.

Trotz immer möglicher Rückschläge und derzeit weltweit nicht naturschutzförderlicher Tendenzen im Weltgeschehen ist ein Wertewandel für die Zukunft nach vielen Richtungen, also auch in Richtung einer vertieften und erweiterten Naturethik, im Bereich des Möglichen. Eine positive Entwicklung wäre im Kollektiv geteilte weiter abnehmende Egozentrik bis zur Konsens- und Mehrheits-fähigen barmherzigen Weltsicht und darüber hinaus.

Mensch-Natur-Verhältnis entwickelt sich in verschiedenen Kulturstufen

Die Stellung des Menschen zur Natur kann auch mit der Entwicklung menschlicher Kultur in den vergangenen 200.000 Jahren in Beziehung gesetzt werden. Die Weitungen des Denkrahmens und damit auch der Moralgemeinschaft und Ethik begegnen uns gewissermaßen auf einer Zeitreise oder Zeitachse (rechte Spalte der folgenden Tabelle, nicht maßstäblich):

Die Tabelle zeigt die Stellung des Menschen zur Natur im Laufe der kulturellen Geschichte und Entwicklung der Menschheit; mensch­liche Ethiken im Bezug auf Natur (Tabelle 1 in Epple 2009; verändert nach Epple (2002) Jagd – eine Frage der Ethik. In: Vogeljagd. Zusammenfassung Seminar des  ÖJV 2001: 68-80.)
Archaischer Anthropozentris­mus herrscht zunächst unreflektiert während der gesamten frühen, prärationalen Entwicklung der Menschheit, also annähernd 200.000 Jahre. Vergleiche die in dieser Zeit erfolgte „Eroberung der Erde“ als praktisch unbegrenzter Siedlungsraum. Archaische Kulturstufen gingen und gehen dabei jedoch vorbewusst (prärational) von der Einheit des Menschen mit der Natur aus; sie praktizieren eine nicht „rational“ reflektierte Form des Mitseins in der Natur. Die Natur wird deshalb „vor­rational“ verehrt, respektiert und gefürchtet (der „große Geist“, „Mutter Erde“ usw.). Reflektierte anthropozentrische Ethik beginnt in der An­tike mit Nachdenken über und Erkenntnis der Sonderstellung des Menschen. Reflektierter Anthropozentrismus herrscht damit grob seit etwa 3000 Jahren. Kultur wird zum Entwurf „gegen“ die Natur.
Die grundsätzliche Hinterfragung des anthropozentrischen Standpunktes setzt erst gegen Ende des 20. Jahrhundert n.Chr. ein. Diese Entwicklung währt also bislang etwa 40 Jahre. Erste Naturschutzbemühungen sind zwar mehr als 100 Jahre alt; der anthropozentrische Standpunkt wurde jedoch zunächst und sehr lange noch beibehalten, und überwiegt bis heute weiterhin im Diskurs (s.o., Anteile der Moral-Bewussteseinsstufen an der Gesamtbevölkerung). Die „integrale Stufe“ (angelehnt an Wilber 2001, 2007) eines transrationalen Mitseins in der Natur ist vorläufig eine Vision…:
Entwicklung der Ethik in Beziehung zu Kulturstufen, Weltbildveränderungen mit einigen ethischen „Durchbrüchen“ (Speerspitzen). Die Farben sind angelehnt an Ken Wilbers Kosmologie. Die Abbildung ist entnommen aus dem persönlichen ppt-Curriculum und Archiv Wolfgang Epple.

Die letzten Grafiken zeigen: Erst in allerjüngster Vergangenheit seiner ungefähr 200.000 Jahre währenden Geschichte befasst sich der moderne Mensch, der Homo sapiens, mit Ethik; noch kürzer, quasi ein Wimpernschlag dauert die Befassung ethischer Belange über den anthropozentrischen Tellerrand hinaus. Es ist die Frage einer Erweiterung dessen, was wir mit überzeugenden Argumenten in unsere Moralgemeinschaft aufnehmen. In diese Überlegungen geht zentral das Zugeständnis von differenziertem Eigenwert natürlicher Seinsformen ein. „Ehrfurcht vor dem Leben“ ist im Sinne reflektierter Befassung mit Eigenwert und Recht auf Sein des natürlichen Gegenübers zu verstehen. Das weitgehendste Zugeständnis von moralischer Berücksichtigung allerdings führt über die Voraussetzung, dass es sich beim Gegenüber um Lebendiges handeln muss, hinaus. Dies ist der ökozentrisch/holistische Ansatz einer Wertetheorie, die auch die Rahmenbedingungen für die Existenz des Lebens moralisch berücksichtigt.

Gewissermaßen schließt sich der Kreis: Waren unseren frühen Vorfahren in mythisch-vorrational-archaischen Kulturstufen auch Felsen, Steine, ganze Berge, Flüsse als Naturwesen heilig, so schlägt eine ganzheitliche Ethik einen Umgang mit der Natur vor, der bereits den Eingriff selbst moralisch auf den Prüfstand stellt: Die Beschädigung natürlicher Seinsformen muss in einem solchen ethischen Denkrahmen existenziell begründet sein. Eine Folge holistischen Ethikansatzes: Nicht der Verteidiger der Natur muss die Schädlichkeit des Eingriffes beweisen, sondern die Beweislast wird in Folge ganzheitlicher Ethik umgekehrt (Gorke 1999; Würdigung und Diskussion der vorlaufenden Gedankengänge von Hans Jonas in Epple 2009). Klar ist: Der Mensch hat auch in diesem Rahmen ein Notwehrrecht. Denn Notwehr – auch gegen außermenschliches Leben – ist existenziell begründet.

Ein letzter, sehr wesentlicher Aspekt für die Befragung unseres moralischen Empfindens ist der…

….Zusammenhang von Ethik und Intuition

Jedem Engagement für den Naturschutz geht eine grundlegende Intuition, die uns auch bei der Befassung mit dem Ästhetik-Argument begegnet, voraus. Es ist etwas „Unwillkürliches“, das uns Verantwortung und Schuld auch gegen wehrlose Natur spüren lässt.

Mehrere Vordenker einer Naturschutzethik haben diese intuitive Seite im Zusammenhang mit Ethik beleuchtet; Zitat aus Epple (2009), dortige Fußnote Nr.9: „Das Konzept einer elementaren menschlichen Intuition als Grundlage eines auf den Eigenwert natürlicher Gegenüber bezogenen Verantwortungsgefühls findet sich bei Jonas (1979: 168, 175) in der Beleuchtung des motivierenden Interesses. Hösle (1991) plädiert für das Gefühl als moralisch wertverleihende Instanz  (weiteres Zitat  in Klier 2007:113). Intuition ist auch von Gorke (1999:124 ff., und 2000) als Beweggrund letztlich aller Naturschutzbemühungen überzeugend in der jüngeren Ethikdebatte herausgestellt worden. Zur Herkunft dieser Intuition vgl. Epple (2006a). Und vergleichbar ist für  Wilber (2001: 196) eine „Grundlegende Moralische Intuition“ (GMI) innerliche Voraussetzung für die Verwirklichung seines integralen Ansatzes.“ Die Erkenntnis, dass Gefühle in diese grundlegende Intuition eines Eigenwertes des natürlichen Gegenüber hineinreichen, unterstreicht die Berechtigung emotionaler Argumente für den ganzheitlichen Naturschutz (ausführlich erneut begründet in Epple 2017 für die Auseinandersetzung um die Naturzerstörung durch die Windkraftindustrie).

Das Schönheit-Argument zur Verteidigung der Natur geht Hand in Hand mit intuitiver Wertannahme, und also Hand in Hand mit dem hier ausgebreiteten Ethik-Argument. Das eine ist ohne das andere nicht zu denken. Warum sollten wir für die Unversehrtheit einer Narturlandschaft kämpfen, für die Verschonung von Arten vor Verfolgung, wenn wir ihnen nicht intuitiv einen Eigenwert zugestehen würden? Gefühlsbetonte Argumentation schließt dabei keineswegs aus, sich in der Ethik-Debatte ganz rational mit den Argumenten für oder gegen die Ausdehnung der verschiedenen Denk-Ansätze auseinanderzusetzen.

Insgesamt wird die Disksussion um eine der umfassenden sozial-ökologischen Krise angemessene Ethik durchaus kontrovers geführt. Kritiker des ganzheitlichen Ansatzes vertreten die Ansicht, dass die Argumente eines geläuterten Anthropozentrismus genügen, die Natur umfassend zu schützen. Ich tendiere zur Notwendigkeit der Sprengung des anthropozentrischen Rahmens, und ziehe ein vorläufiges…

Fazit mit Schlussbemerkungen

Ganzheitlicher Naturschutz, wie ich ihn hier verstehe, kann ohne Erweiterung der Ethik über den anthropozentrischen Rahmen hinaus nicht gedacht und nicht verwirklicht werden. Auch weiterhin eingeschränkte Ethiken unterhalb eines ganzheitlichen Ansatzes, wie der Pathozentrismus und selbst der Biozentrismus, reichen nicht hin für einen ganzheitlichen und umfassenden Ansatz. Wertedifferenzierungen und Entscheidungen, die Güterabwägung beinhalten, sind allerdings weiterhin nicht pauschal und durch Vereinfachung lösbar. Die hier versuchte Synopse wird eher als Denkrichtung und Gefühlsanstoß denn als Lösung verstanden. Für Differenzierungen und Entscheidungen aber gibt es damit immerhin eine Richtschnur.

Finden Sie selbst heraus, wo sich das von mir im Titel der Homepage verwendete „Mitsein des Menschen in der Natur“ ansiedeln ließe. Es findet sich in zwei sehr verschiedenen „Stadien“ menschlicher Kultur…

Zur Frage: Mensch oder Natur? – Was hat Vorrang? … lasse ich ganz bewusst den großen, die Sprengung des Anthropozentrismus vordenkenden Naturphilosophen Hans Jonas aus „Prinzip Verantwortung“ (1979) zu Wort kommen, denn …

…die Auffassung Jonas’ (1979: 246) ist eindeutig und dennoch differenziert:  „In der Wahl zwischen Mensch und Natur, wie sie sich im Daseinskampf von Fall zu Fall immer wieder stellt, kommt der Mensch zuerst und die Natur, auch wenn ihr Würde zugestanden ist, muss ihm und seiner höheren Würde weichen…“  Diese Auffassung kann allerdings nicht in eine verkürzte anthropozentrische Haltung umgedeutet werden. Denn Jonas  plädiert gerade in diesem besonders heiklen Zusammenhang (1979: 245) eben nicht eng anthropozentrisch , sondern genauso unzweideutig gegen eine „anthropozentrische Verengung“  bei der Abwägung zwischen der Pflicht zum Menschen und der Pflicht zur Natur, da selbst, so Jonas wörtlich: „im Glücksfall biologischer Erhaltung“ in „einer verödeten (und großenteils durch Kunst ersetzten) Lebensumwelt“, diese „Verengung auf den Menschen allein und als von aller übrigen Natur verschieden“ nur „Entmenschung des Menschen selbst“ und „die Verkümmerung seines Wesens“ bedeuten kann. Nach Hans Jonas können demnach beide Pflichten „unter dem Leitbegriff der Pflicht zum Menschen als eine“ (Hervorhebung von Jonas) behandelt werden. Als zentraler Gedanke der Verantwortungs-Ethik taucht hier, folgend dem natürlichen Gewordenseindes Menschen, die Treue zum verwandten Ganzen auf. Jonas (1979: 246) weiter: „Im wahrhaft menschlichen Blickpunkt bleibt der Natur ihre Eigenwürde, die der Willkür unserer Macht entgegensteht. Als von ihr hervorgebracht schulden wir dem verwandten Ganzen ihrer Hervorbringungen eine Treue, wovon die zu unserem eigenen Sein nur die höchste Spitze ist. Diese aber, recht verstanden, befasst alles andere unter sich.

Diese Formulierung ist in ihrer gedanklicher Weitführung und Vollendung die ethisch begründete Besinnung des Menschen auf seine Herkunft, mit allen aus ihr folgenden Konsequenzen.

Eine vorläufig Schlussbemerkung, als Wunsch:

Der hier vorgetragene Versuch einer Richtschnur für eine Ethik des ganzheitlichen Naturschutzes soll am Ende getragen sein von Optimismus: Dass möglichst viele Menschen auf der Erde mit höheren Wellen des (moralischen) Bewusstseins in Berührung kommen, und damit im großen Menschheitskollektiv ein gemeinschaftlich getragener Sprung auf eine nächsthöhere und aus meiner Sicht nächstbessere Stufe des Umgangs mit unserem Heimatplaneten erreicht werden kann – ein besserer Umgang mit allem, was auf diesem Planeten als „Geschenk der Natur“ vorgefunden wird, was unser Leben erst ermöglicht und über die Existenzsicherung hinaus bereichert.

Vielleicht ermöglicht eine solchermaßen über den Anthropozentrismus hinausgehende, erweiterte Ethik auch die Rückbesinnung auf Erlebnis- und Gefühlswelten, die den archaischen Stufen der Menschheit im Umgang mit der Natur nicht fremd waren. Eine besondere Kategorie ist die Ehrfurcht. Man vergleiche hierzu das von mir gewählte Eingangszitat zur Seite Klimawandel und „Klimaschutz“.

Noch einmal erhält der große jüdisch-deutsche Naturphilosoph das Wort:

„(…) Die Ehrfurcht allein, indem sie uns ein „Heiliges“, das heißt unter keinen Umständen zu Verletzendes enthüllt (und das ist auch ohne positive Religion dem Auge erscheinbar), wird uns auch davor schützen, um der Zukunft willen die Gegenwart zu schänden, jene um den Preis dieser kaufen zu wollen. (…) Ein degradiertes Erbe wird die Erben mit degradieren.“ Hans Jonas‘ (zum in der Ehrfurcht enthüllten Tabu; in“Das Prinzip Verantwortung“ 1979, S. 393)