April 9, 2020

Naturschutz und Landwirtschaft

Das Foto zeigt eine Uferschnepfe mit Küken, in frisch gemähter Wiese, Stollhammer Wisch, Landkreis Wesermarsch, Niedersachsen. Bodenbrütende Vögel sind besonders von der Nutzungsintensivierung mit früher und häufiger Mahd, Düngung und Bodenbearbeitung betroffen. Der Erhalt ihrer Populationen und der Schutz der Individuen ist Aufgabe von Landwirten und Naturschützern zugleich. Die Gesellschaft muss für passende Rahmenbedingungen sorgen. Foto: Wolfgang Epple

Realität und gewissermaßen ökologisches Endstadium von Grünland, das noch vor wenigen Jahren artenreicher Lebensraum auch für Wiesenbrüter wie die Uferschnepfe war: Intensivnutzung mit Gülledüngung, Schleppen und Walzen während der Brutzeit, vielfacher und zu früher Mahd (eigene Erkenntnisse aus jahrelangen Freiland-Untersuchungen in der ökologisch vergleichbaren Stollhammer Wisch, Landkreis Wesermarsch, Niedersachsen). Zusätzlich werden immer größere Teile des weiten küstennahen Feuchtgrünlands mit Windkraftindustrie überbaut, was die Qualität der Lebensräume für die Vögel weiter einschränkt. Das Bild entstand im Februar 2018 bei Tergast, Ostfriesland, Niedersachsen. Foto: Eilert Voß.

Vom Landespfleger zum Sündenbock?

Die wissenschaftliche Fachwelt ist sich einig: Landwirtschaftliche Nutzung stellt weltweit den größten Bedrohungsfaktor für die Biodiversität dar. Doch Achtung! Hier muss stark differenziert werden. Je nach Region der Erde hat bäuerliche Landwirtschaft über Jahrhunderte auch zur Steigerung der Vielfalt des Lebens beigetragen. Deshalb wird hier nicht der heute vielfach übliche pauschale Ton der Verunglimpfung gegen „die Landwirtschaft“ angeschlagen.

Im Spannungsfeld von Nahrungsmittererzeugung und Bewahrung der Natur ist unbestritten: Die primäre Fruchtbarkeit und Produktionskraft der Erde, ihrer Ökosysteme und Böden ist durch verschiedenste vom Menschen verursachte Entwicklungen umfassend bedroht. Einen in vielerlei Hinsicht beklemmenden Überblick liefert das Kooperationsprojekt Bodenatlas 2015 (Heinrich Böll Stiftung, IAAS Potsdam, BUND und Le Monde diplomatique). Weltweit schrumpft das zur Verfügung stehende fruchtbare Land, bei gleichzeitig wachsender Weltbevölkerung. Das hat Konsequenzen für den Menschen (Welternährung) und die Natur. Der Druck auf noch nicht „urbar“ gemachtes Land wächst. Die pro Kopf zur Verfügung stehden Ackerfläche schrumpft dennoch weiter:

Bevölkerungswachstum und Landknappheit in ausgewählten Ländern

LandVerfügbarkeit von Ackerland pro Kopf der Bevölkerung 
(in Hektar)
Entwicklungs-/Schwellenländer1979-19811994-1996
Bangladesch0,10,07
China0,10,08
Indonesien0,120,09
Pakistan0,240,16
Indien0,240,18
Ägypten0,060,05
Jordanien0,140,08
Burundi0,240,15
Kenia0,230,15
Industrieländer
USA0,830,71
Schweiz0,060,06
Deutschland0,150,14

Quelle: The World Bank, World Development Report 1998/99, Washington D.C. 1998, Tabelle 8.

Zwar sind weltweit noch immer die meisten Landwirtschaftsbetriebe sehr klein. Ein Verdrängungsmechanismus, der Kleinbauern betrifft, gespeist aus Landhunger, Land-Grabbing und dem Bevölkerungsdruck (Hunger) der sich rasch sowohl zahlenmäßig als auch ökonomisch entwickelnden Gesellschaften insbesondere in Asien (China, Indien) hat große Teile der Erde erfasst und bereits erdumspannende Auswirkungen, auf die wir auch in der Bevölkerungsfrage eingehen müssen.

Von der bäuerlichen und kleinteiligen Kreislaufwirtschaft ist die in vielen Teilen der Erde um sich greifende agrarindustrielle Produktion von Lebensmitteln, Futtermitteln und neuerdings „Energiepflanzen“ völlig verschieden. Sie würde zur Ernährung der weiter wachsenden Welt-Bevölkerung nach heutiger Kenntnis möglicherweise auch nicht mehr ausreichen. Bäuerliche Landwirtschaft muss also in den fruchtbarsten und begehrtesten Regionen agrarindustriellen Methoden weichen. Konkurrenz um Land ensteht auch deshalb, weil sogenannte Veredlung von Getreide zu Fleisch enorme Flächen und Ressourcen (Wasser, Düngemittel) beansprucht. Dort, wo sich kleine Bauern halten konnten, geraten sie in allen Erdteilen unter diesen Konkurrenzdruck durch die Agrarindustrie, die je nach Ausprägung und Gebaren bäuerliche Existenzen bedroht, zu Landflucht führt und die Tendenz der Verstädterung der Menschheit in den Randbereichen der Metropolen noch beschleunigt. Das Wuchern der Städte und Siedlungen verschlingt dabei weiteres wertvolles Ackerland.

In Mitteleuropa knappes Gut: Dünn besiedelte Kulturlandschaft mit überwiegend extensiver Nutzung, weichem Übergang von Offenland, Feuchtgebiet und Wald. In solchen strukturreichen Landschaftsrelikten besteht sowohl große Artenvielfalt als auch Erholungswert für den Menschen. Landschaftsschutz mit Integration von Naturschutz und landwirtschaftlicher Nutzung ist ein Instrument zum Erhalt solcher Vorzugslandschaften. Kernbereiche mit wertvollster Habitatausstattung sollten jedoch durch Seggregation in vollständigen Schutz vor menschlicher Nutzung überführt werden. Dies widerspricht nicht der Vorstellung eines Miteinander von Mensch und Natur, sondern ist Folgerung aus der Erkenntnis des Schwindens der letzten Wildnisse von der Erde. Das Bild entstand im Böhmerwald, CZ, die Waldflächen im Hintergrund gehören zum Nationalpark Sumava.
Foto: Wolfgang Epple

Die Bebauungsdichte in Deutschland geht zu Lasten primärproduktiver Flächen, auch zu Lasten der für die Landwirtschaft geeigneten, und dürfte viele überraschen:

Nach einer 2019 erschienenen Studie des Leibniz-Instituts für ökologische Raumentwicklung (IÖR) und des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) trifft auf 99 Prozent des Gebäudebestandes in Deutschland zu: Das nächste Haus befindet sich in maximal 1,5 Kilometern Abstand. Kein Standort ist weiter als 6,3 Kilometer vom nächsten Haus entfernt. Aus der Pressemitteilung des IÖR vom 27. August 2019:

„Das größte gebäudefreie Gebiet misst gerade einmal 12,6 Kilometer im Durchmesser. Der maximale Abstand zum nächstgelegenen Gebäude beträgt damit nur etwas mehr als sechs Kilometer. Besonders überraschend für das Forscher-Team: „Entgegen unseren Erwartungen sind die größten Freiflächen nicht etwa in Naturschutzgebieten zu finden. Stattdessen zeigte sich, dass noch genutzte oder ehemalige Truppenübungsplätze die am wenigsten mit Gebäuden bebaute Fläche aufweisen“, berichtet Diego Rybski. Die fünf abgelegensten Gebiete sind die Truppenübungsplätze (TÜP) Bergen im Süden der Lüneburger Heide (maximale Entfernung zum nächsten Gebäude: 6.320 m), Baumholder (4.850 m) in Rheinland-Pfalz, Hohenfels (4.250 m) in der Oberpfalz und Oberlausitz (4.170 m) im Nordosten von Sachsen sowie der ehemalige TÜP Kyritz-Ruppiner Heide (4.440 m) in Brandenburg – immerhin ein Teil dieses ehemaligen Militärgeländes ist inzwischen wichtiges europäisches Naturschutzgebiet (Flora-Fauna-Habitat/FFH). (…)

Flächenschutz dringend erforderlich

„Unsere Ergebnisse machen deutlich, wie dringlich es ist, in Deutschland mehr für den Flächenschutz und auch für die Entsiegelung von Böden zu unternehmen“, so Martin Behnisch vom IÖR. Zwar gebe es bereits eine Vielzahl politischer Strategien, gesetzlicher Regelungen und planerischer Instrumente, die auf eine sparsamere Flächennutzung abzielten. Doch auch der leichte Rückgang bei der Neuinanspruchnahme von Flächen könne nicht darüber hinwegtäuschen, dass Deutschland von einer tatsächlichen Trendwende noch weit entfernt ist.“

Flächenschutz ist in allen Teilen Europas notwendig und auf der ganzen Erde ein dringliches Anliegen eines ganzheitlichen Naturschutzes. Beispiel „Ferieninsel“ Mallorca:

Bäuerliche, über Jahrtausende genutzte Kulturlandschaft im Süden Mallorcas. Halboffene und mehr oder weniger baumreiche Kulturlandschaften sind in vielen trocken-warmen Gebieten der Erde typisch. Sie sind Beispiele dafür, dass der Mensch nachhaltig und in Partnerschaft mit der Natur auch unter klimatisch schwierigen Bedingungen Land bewirtschaften kann. Je nach Erdregion, Nutzung und Baumarten ist die Mischung von Holznutzung und Landwirtschaft, die Agroforstwirtschaft (Agroforestry) auch beispielhaft für die Unterstützung der CO2-Senkenfunktion der Landlebensräume. Auch solche Landschaften besitzen hohen Erholungswert für den Menschen. Weichen im Zuge des Landnutzungswandels extensive Nutzungsformen intensiv genutzten agrar-industriellen Monokulturen, wird die Wohlfahrtsfunktion solchen Kulturlandes für die Artenvielfalt und den Menschen vernichtet.
Foto: Wolfgang Epple

Landnutzung und ihr Wandel, also der Landnutzungswandel ist durch die Globalisierung und weltweite Handels-Vernetzung der Menschheit über die ganze Erde gekoppelt. Diese „Fernkopplung“ führt zu weltweit in ähnliche Richtung verlaufende Veränderungen und Prozesse: Aus kleinteiliger bäuerlicher Landwirtschaft wird großflächig intensive Agrarindustrie. Aus Vielfalt und Regionalität wird Monotonie und eine verengte genetische Basis bei Nutztieren und Nutzpflanzen. Für den ganzheitlichen Naturschutz müssen die Auswirkungen des Landnutzungswandels auf die Biodiversität, auf Bedrohung und Verlust von Arten und genetischer Vielfalt, in den Vordergrund gerückt werden. Und wie gezeigt: Die Versiegelung und Überbauung von freien Naturflächen stellt ein dringendes Problem, gerade auch im Rahmen der Verstädterung und des damit einhergehenden Verlustes von fruchtbarem Ackerland.

Landwirtschaft und Insektensterben

Ein Hauptaugenmerk gilt seit geraumer Zeit dem Rückgang der Insektenfauna auf landwirtschaftlich intensiv genutzten Flächen. Ich greife eine besonders aussagekräftige Studie eines Forschungsteams um Jan Christian Habel von der Technischen Universität München (TUM) und Thomas Schmitt von der Senckenberg Naturforschungsgesellschaft auf, die sich mit dem Rückgang der Tagfalter beschäftigt. Aus der Mitteilung der Senkenberg-Pressestelle vom 19.03.2019 folgende Zitate (veröffentlicht hier):

Etwa 33.500 Insektenarten sind in Deutschland heimisch – doch ihre Menge nimmt dramatisch ab. Von den 189 aktuell in Deutschland vorkommenden Tagfalterarten stehen 99 Arten auf der Roten Liste, 5 Arten sind bereits ausgestorben, weitere 12 Arten vom Aussterben bedroht. „Es wird davon ausgegangen, dass dieser negative Trend größtenteils durch die Industrialisierung der Landwirtschaft bedingt ist“, erklärt Prof. Dr. Thomas Schmitt, Direktor des Senckenberg Deutschen Entomologischen Institut im brandenburgischen Müncheberg (…)•(…) auf 21 Wiesenflächen östlich von München das Vorkommen von Tagfalter-Arten erfasst; 17 dieser Areale liegen inmitten von landwirtschaftlich genutzten Flächen, vier in naturnah bewirtschafteten Naturschutzgebieten. „Unsere Ergebnisse zeigen einen klaren Trend: In der Nähe von intensiv bewirtschafteten, regelmäßig gespritzten Feldern ist die Tagfalter-Vielfalt und Anzahl deutlich geringer, als auf Wiesen in der Nähe von wenig bis ungenutzten Flächen“, so der Erstautor der Studie, Prof. Dr. Jan Christian Habel (…)Insgesamt 24 Tagfalter-Arten und 864 Individuen (…) auf allen Flächen gezählt. „Auf den Wiesen innerhalb der landwirtschaftlich genutzten Felder haben wir im Schnitt 2,7 Tagfalter-Arten pro Besuch gefunden, auf den vier Untersuchungsgebieten innerhalb der beiden Naturschutzgebiete ‚DietersheimerBrenne’ und ‚Garchinger Heide’ waren es durchschnittlich 6,6 Arten“, ergänzt Prof. Dr. Werner Ulrich von der Copernicus-Universität im polnischen Thorn. (…)„Unsere Studie unterstreicht die negativen Auswirkungen der industrialisierten, konventionellen Landwirtschaft auf die Tagfalter-Vielfalt und zeigt, dass dringend umweltverträglichere Anbaumethoden benötigt werden. (…) schließt Schmitt (…)

Sumpfwiesen-Perlmuttfalter, Boloria Selene
Unter den Tagfaltern – etwa der Gattung der Perlmuttfalter (Boloria) – gibt es viele Biotop-Spezialisten, die unter der intensivierten Nutzung der industriellen Landwirtschaft und dem Schwund von extensiv genutztem Grünland leiden. Foto: Pixabay

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